Autoritäre Versuchungen in der Linken

Die politische Gegenwart ist von multiplen Krisen geprägt: zunehmende soziale Ungleichheit, autoritäre Tendenzen in vielen Staaten, geopolitische Konflikte. In solchen Situationen wächst die Sehnsucht nach klaren Frontlinien, eindeutigen Freund-Feind-Schemata, widerspruchsfreien Antworten und linearen Lösungen. In Teilen der radikalen Linken, insbesondere in der sich antiimperialistisch gerierenden, lässt sich damit zusammenhängend eine politische Entwicklung beobachten, die als autoritär bezeichnet werden muss und somit dem emanzipatorischen Glücksversprechen einer kommunistisch befreiten Gesellschaft widerspricht. Gerade deshalb ist es notwendig, einerseits politische Traditionen kritisch zu reflektieren und andererseits auf lokaler Ebene den Rattenfängern der Kommunistischen Partei (KP) Aachen und der national gesinnten „Antifa Jugend Aachen“, die keinen originären Gedanken zustande bringen, in Aachen keinen weiteren Fußbreit zu gewähren.

In der Analyse der geopolitischen Lagerung komplexer gesellschaftlicher Konflikte wird bei ihnen beispielhaft eine Tendenz ersichtlich, nach der Staaten oder Bewegungen allein aufgrund ihrer Gegnerschaft zum Westen als widerständig bzw. “antiimperialistisch” idealisiert werden. Zeitgleich wird innerlinke Kritik zunehmend als Verrat aufgefasst oder gleich als Unterstützung des »Imperialismus« gebrandmarkt. Diese Dynamik steht im Widerspruch zu einer antiautoritären und emanzipatorischen linken Tradition, die noch bis Mitte der 2010er Jahre weitgehend tonangebend war. Kritische Gesellschaftstheorie – sei es in der Tradition von Karl Marx oder der Kritischen Theorie – zielt im Gegensatz zum heutigen Vulgärantiimperialismus darauf ab, Herrschaftsverhältnisse in ihrer gesellschaftlichen Struktur zu analysieren, anstatt sie in unterkomplexe geopolitische Schablonen zu zwängen.

Der folgende Beitrag nimmt eine kritische Perspektive auf autoritäre Tendenzen im Antiimperialismus ein. Dabei geht es nicht darum, die Kritik an imperialer Machtpolitik aufzugeben. Vielmehr geht es darum zu zeigen, warum eine emanzipatorische Linke gerade dann konsequent bleiben muss, wenn traditionell-autoritäre und verkürzte Weltbilder innerhalb der eigenen politischen Strömung wiederauferstehen.

Antiimperialismus als vereinfachte Welterklärung

Historisch betrachtet ist der Antiimperialismus ein zentraler Bestandteil linker, insbesondere kommunistischer Theorie und Praxis. Er entstand aus der Kritik an der kapitalistischen Expansion, die zwangsläufig mit kolonialer Herrschaft und der Globalisierung moderner Ausbeutungsverhältnisse einherging. Als wichtigste Erkenntnis der antiimperialistischen Theorietradition erwies sich dabei das Fortleben kolonialer Herrschaft in postkolonialen Staaten und im individuellen Denken. Die Befreiungskämpfe, die nie nur als einwandfreie Befreiung von Herrschaftspraxis betrachtet werden sollten, nahmen nicht selten eine Eigendynamik ein, aus der sich heraus in der Gegenwart übertragbare ideologische Schablonen entwickelten. Dabei wird die Welt in zwei Lager aufgeteilt – imperialistische Mächte und antiimperialistische Kräfte.

Diese Lagerlogik hat mehrere problematische Folgen begonnen bei der Reduktion komplexer gesellschaftlicher Spannungsverhältnisse, über die Romantisierung von vermeintlich autochthonen Völkern und – gerade das ist fatal – Staaten, bis hin zur Relativierung der autoritären Herrschaft, wie zuletzt in Bezug auf Iran geschehen.

Immanente gesellschaftliche Kämpfe, unterschiedliche soziale Bewegungen, Ideologien und interne Widersprüche verschwinden hinter geopolitischen Blöcken, hinter der Einteilung von »gut« und »schlecht«. Die zum Fetisch aufgestiegene antiimperialistische Rhetorik der Kaderkommunisten neigt dazu, ein homogenes Volk zu imaginieren, dessen angeblicher Widerstand, weil gegen Imperialisten gerichtet, automatisch progressiv sein müsse.

Die zum Fetisch aufgestiegene antiimperialistische Rhetorik der Kaderkommunisten neigt dazu, ein homogenes Volk zu imaginieren, dessen angeblicher Widerstand, weil gegen Imperialisten gerichtet, automatisch progressiv sein müsse.

Quittiert wird dadurch, dass autoritäre Regierungen nicht mehr nach ihren eigenen politischen Praktiken beurteilt werden, sondern nach ihrer geopolitischen Position. Bei der Antifa Jugend klang das Mitte März dann so: „Solidarität mit der iranischen Nation und ihrem bewaffneten Widerstand gegen Zionismus und Imperialismus. Solidarität mit allen Völkern Westasiens in ihrem bewaffneten Kampf um ihre Selbstbestimmung.“ [Antifa Jugend Aachen, Insta-Beitrag 2026, Herv. RA] Der völkische Zirkelschluss wiederum funktioniert folgendermaßen: Solidarisiert wird sich zunächst mit dem iranischen Staat, welcher mit dem Staatsvolk identifiziert wird, dass sich die Antifa Jugend anscheinend nur als Kollektivvolk vorstellen kann. Virtuell ausgebürgert und implizit als Volksfeinde markiert werden all jene IranerInnen, die entgegen der Propaganda wissen, dass ihre wahren Feinde in Teheran und nicht in Washington und Jerusalem sitzen.

Diese im Grunde nichtssagende wie weltfremde Solidaritätsbekundung ist keine Besonderheit, sondern Teil der Entwicklung einer radikalen Linken, die Anlass zur Sorge bereiten sollte: Komplexe gesellschaftliche Konflikte werden auf einfache geopolitische Lagerlogiken und Szenarien reduziert: Hier der »imperialistische Westen«, der qua dieser Setzung automatisch schlecht sei, dort der »antiimperialistische Widerstand«, der, weil er die Unterdrückten repräsentiere, moralisch gut sei. Vollkommen absurd ist, dass autoritäre Regime oder reaktionäre Bewegungen politisch relativiert oder sogar verteidigt werden, solange sie als Gegner westlicher Macht erscheinen, obwohl gerade im Westen das Leben noch vergleichsweise erträglich ist. Die Antifa-Jugend unterschlägt dabei auch, dass im Iran das Handeln der Nation zum Glück nicht den Wünschen der meisten Bewohner entspricht, die andere Dinge mit ihrem Leben anfangen wollen, als den bewaffneten Widerstand gegen den Zionismus abzufeiern und am Ende auch zu bezahlen.

Eine Sichtweise, bei der der Feind immer im Westen steht, während autoritäre Staaten oder Bewegungen kaum kritisiert werden, steht im Widerspruch zu einem emanzipatorischen Verständnis von Politik. Eine Linke, die Befreiung und Selbstbestimmung ernst nimmt, kann nicht aufhören, Autorität, Herrschaft und Unterdrückung überall zu kritisieren – unabhängig davon, von welchem Staat oder welcher politischen Strömung sie ausgehen.

Spiel nicht mit den Schmuddelkindern…

Der Grad der autoritären Sehnsüchte, welche die tragische Bedeutungslosigkeit der deutschen Linken kompensieren soll, nimmt gegenwärtig zu und offenbart sich dadurch als linker Abklatsch der gesamtgesellschaftlichen autoritären Tendenzen. Innerhalb der verschiedenen subkulturellen Szenen sind moralische Polarisierungen (»Wer nicht mit uns ist, ist objektiv auf der Seite des Imperialismus«) und die Exkommunizierung innerlinker Kritiker, wodurch man sich von jedweder Kritik freizumachen gedenkt, Ausdruck eines um sich greifenden Dogmatismus, der – ebenso wie organisatorische Hierarchisierung und das Einfordern von Unterwürfigkeit – als notwendiges Übel gerechtfertigt wird.

Die Rückkehr autoritärer Denkweisen und Organisationsformen ist kein Zufall. Sie steht in engem Zusammenhang mit der gegenwärtigen gesellschaftlichen Situation. Die linken Bewegungen beobachten seit Jahren von der Seitenlinie die Symptome gesellschaftlicher Erosion: Sozialabbau, autoritäre Staatspolitik, Aufstieg der extremen Rechten. In solchen Situationen erscheint eine klare, einfache Weltdeutung besonders attraktiv. Die israelfeindliche Palästinasolidarität ist derzeit das einzige Thema, bei dem linke Bewegungen an einer realen und globalen Bewegung partizipieren können. Autoritäre Organisationsmodelle versprechen hierbei Effizienz und Stärke, wobei die tatsächlichen Handlungsmöglichkeiten zugleich im Wesentlichen auf einen effekthaschenden Aktivismus beschränkt sind. Sie suggerieren, dass eine entschlossene Avantgarde schneller handeln könnte als diffuse soziale Bewegungen. Anknüpfen können sie dabei an internationale Konflikte, die als Blockkonfrontation gelesen werden und eine identitäre Setzung ermöglichen. Politische Zugehörigkeit wird dabei stärker über symbolische Positionierungen, denn über konkrete soziale Praxis festgelegt, wie es sich besonders deutlich nach dem 07. Oktober 2023 gezeigt hat.

Ein Teil der Attraktivität antiimperialistischer Politik liegt dementsprechend nicht nur in ihren theoretischen Erzählungen und traditionsstiftenden Mythen, sondern auch in ihrer politischen Ästhetik. Demonstrationen, Social-Media-Posts und Kampagnen arbeiten häufig mit einer Bildsprache, die Widerstand, Kampf und nationale Befreiung romantisiert: Fahnen nationaler Bewegungen, ikonische Bilder bewaffneter Kämpfer*innen, Parolen über „Widerstand“ und „Befreiung“ sowie eine stark moralisch aufgeladene Symbolik. Diese Ästhetik erzeugt eine klare emotionale Dramaturgie, ein Dramadreieck. Auf der einen Ecke des Dreiecks stehen scheinbar eindeutig identifizierbare Opfer imperialer Gewalt, auf der nächsten der imperiale Aggressor als Ausdruck des absolut Bösen und auf der dritten Ecke schließlich der heroische Widerstand gegen Unterdrückung und seine Verbündeten im Westen. Komplexe gesellschaftliche Verhältnisse werden so in eine symbolische Erzählung von Kampf und Befreiung übersetzt, die leicht verständlich ist und politisch mobilisierend wirkt.

Gerade für junge Linke besitzt diese Form der Darstellung eine besondere Anziehungskraft. Sie bietet eine starke Identifikationsmöglichkeit: Aktivismus erscheint nicht nur als politische Praxis, sondern als Teil einer globalen Widerstandsbewegung. Wenn politische Positionen vor allem über Symbolik und Identität vermittelt werden, gerät die kritische Reflexion schnell in den Hintergrund. Die Frage, welche politischen Programme oder gesellschaftlichen Strukturen tatsächlich unterstützt werden, tritt hinter der ästhetischen Darstellung von »Widerstand« zurück.

Eine antiautoritäre Linke muss daher auch diese Dimension politischer Kultur reflektieren. Solidarität darf nicht zu einer Frage der richtigen Symbole werden, und politische Analyse darf nicht durch eine romantische Inszenierung von Befreiungskämpfen ersetzt werden. Nur so lässt sich verhindern, dass eine antiimperialistische Politik, die ursprünglich auf Befreiung zielte, selbst Teil einer Ideologie wird, die Autorität, Nationalismus und vereinfachte Weltbilder reproduziert.

Zur Kritischen Theorie der Gesellschaft

Karl Marx verstand den Kapitalismus nicht primär als Herrschaft einzelner Staaten oder Eliten, sondern als gesellschaftliches Verhältnis. Er beschrieb, wie sich soziale und politische Macht aus der Struktur von Produktion, Eigentum und Klassenverhältnissen ergibt. Kapitalistische Herrschaft funktioniert demnach nicht einfach durch politische Kontrolle von oben, sondern durch ein System ökonomischer (Sach-)Zwänge, das Individuen und Institutionen gleichermaßen prägt.

Gerade deshalb steht Marx’ Analyse in Spannung zu jenen antiimperialistischen Theorien, die gesellschaftliche Probleme hauptsächlich als Ergebnis geopolitischer Machtpolitik interpretieren. Wenn Kapitalismus als globales gesellschaftliches Verhältnis verstanden wird, reicht es nicht aus, einzelne Staaten oder geopolitische Blöcke zu bekämpfen. Die Kritik muss sich vielmehr auf die gesellschaftlichen Strukturen selbst richten.

In Marx Analyse der Pariser Communé verstand er diese als Beispiel einer radikaldemokratischen Selbstorganisation von Arbeiter*innen. Marx sah darin eine Form politischer Praxis, in der gesellschaftliche Akteure ihre Angelegenheiten selbst organisieren, anstatt sie einer zentralisierten Staatsmacht zu überlassen. Diese Perspektive steht im Gegensatz zu politischen Modellen, die auf eine autoritäre Avantgarde oder eine zentralisierte Führung setzen. Wenn Emanzipation das Ziel ist, kann sie nicht einfach von oben hergestellt werden. Sie muss aus kollektiven Prozessen der Selbstorganisation hervorgehen. Befreiung bedeutet gerade die Aufhebung von Herrschaftsverhältnissen – nicht deren Neuorganisation unter anderen Vorzeichen.

Ein besonders problematischer Aspekt bestimmter antiimperialistischer Strömungen ist ihre wiederkehrende Anfälligkeit für antisemitische Denkfiguren. Diese äußern sich nicht immer offen oder bewusst, sondern häufig in Form struktureller Narrative und verkürzter Gesellschaftsanalysen. In unkritischen antiimperialistischen Weltbildern wird globale Macht stark personifiziert: Der Kapitalismus erscheint nicht als komplexe gesellschaftliche Struktur, sondern als Ergebnis einer relativ kleinen Gruppe von Akteur*innen, die im Hintergrund die Weltpolitik steuern. In solchen Deutungen tauchen häufig Vorstellungen von einer allmächtigen Finanzelite, von geheimen Einflussnetzwerken oder von einer übermächtigen Lobby auf. Diese Narrative schließen an antisemitischen Motiven an, in denen gesellschaftliche Widersprüche auf eine vermeintlich verborgene Macht projiziert werden.

In Debatten über globale Politik wird dabei der Antisemitismus auf eine bestimmte Weise sichtbar: Während andere Staaten primär als geopolitische Akteure betrachtet werden, wird der Staat Israel in manchen antiimperialistischen Diskursen zu einem zentralen Symbol globaler Macht überhöht. Israel erscheint dann nicht mehr als konkreter Staat, mit internen wie externen Konflikten, der politische Entscheidungen trifft, sondern dient als Projektionsfläche für eine vermeintlich übergeordnete Struktur imperialistischer Herrschaft. In solchen Darstellungen kann sich ein Denken reproduzieren, das an alte antisemitische Stereotype anschließt – etwa die Vorstellung einer besonderen, überproportionalen oder verborgenen Macht.

Diese Tendenzen stehen im Widerspruch zu einer kritischen Theorie der Gesellschaft. Ansätze der kritischen Gesellschaftsanalyse – insbesondere in der Tradition der Kritischen Theorie – haben immer wieder darauf hingewiesen, dass Antisemitismus eine spezifische Form der Ideologie darstellt. In antisemitischen Weltbildern werden abstrakte gesellschaftliche Strukturen, insbesondere die komplexen Dynamiken kapitalistischer Vergesellschaftung, auf eine vermeintlich identifizierbare Gruppe projiziert. Die gesellschaftlichen Widersprüche erscheinen dann nicht mehr als strukturelle Probleme, sondern als Ergebnis eines angeblichen Komplotts.

Eine emanzipatorische Kritik des Kapitalismus muss daher gerade diese personifizierenden Erklärungen zurückweisen. Kapitalistische Herrschaft funktioniert nicht durch eine kleine Gruppe, die die Welt heimlich steuert, sondern durch gesellschaftliche Strukturen, Institutionen und ökonomische Zwänge. Wer diese komplexen Zusammenhänge auf geheime Machtzentren reduziert, reproduziert letztlich genau jene ideologischen Verkürzungen, die kritische Gesellschaftstheorie zu überwinden versucht und übersieht die Paradoxie des modernen Menschen, dessen Freiheit die Basis seiner Unfreiheit ist. Oder anders: “Die Menschen machen ihre eigene Geschichte, aber sie machen sie nicht aus freien Stücken, nicht unter selbstgewählten, sondern unter unmittelbar vorgefundenen, gegebenen und überlieferten Umständen.” [MEW 8: 115]

Postone argumentierte präzise, dass moderner Antisemitismus eng mit einer verkürzten Kritik des Kapitalismus verbunden ist. In solchen Ideologien wird zwischen einem vermeintlich „schaffenden“ Kapital (Industrie, Arbeit, Nation) und einem angeblich „raffenden“ Kapital (Finanz, Zirkulation, Globalität) unterschieden. Das abstrakte Moment des Kapitalismus – Geld, Finanzsystem, globale Vermittlung – wird dabei symbolisch personifiziert und häufig mit antisemitischen Bildern verknüpft. Kapitalistische Dynamiken wurden zwar durch konkrete Handlungen hervorgerufen, wandelten sich aber ab dem Moment ihrer Totalwerdung in strukturelle Zwänge und gesellschaftliche Vermittlungen. Wenn Kritik diese strukturelle Dimension aus dem Blick verliert, schlägt sie in Ideologie um.

Aus dieser Perspektive wird ein anderer Grund dafür deutlich, dass eine emanzipatorische Gesellschaftskritik antisemitische Denkfiguren konsequent zurückweisen muss: Sie sind nicht nur moralisch problematisch, sondern auch analytisch falsch, weil sie die tatsächlichen Strukturen moderner Gesellschaft verschleiern. Kommunistische Kritik des heutigen Antisemitismus reflektiert, dass er das zentrale Ideologem eines abschaffungswürdigen Gesellschaftssystems ist, dessen ungeliebte Aspekte im “jüdischen” gebannt und exorziert werden sollen.

Kommunistische Kritik des heutigen Antisemitismus reflektiert, dass er das zentrale Ideologem eines abschaffungswürdigen Gesellschaftssystems ist, dessen ungeliebte Aspekte im ‚jüdischen‘ gebannt und exorziert werden sollen.

Theoretisch wie empirisch zeigt sich, dass sowohl für die Bannung wie auch für den Exorzismus Israel und ‘die Zionisten’ herhalten sollen. Der aktuelle Krieg ist nicht viel mehr als ein willkommener Anlass, um rauszulassen, was man vorher schon in sich trug: Die Regression der halbierten Kapitalismuskritik linker und islamistischer Provenienz hin zu einem mit reinem Gewissen geführten Vernichtungsfeldzug ist es, die den Kommunismus zur Solidarität mit Israel drängt.

Zugleich zeigt sich eine problematische Verschiebung der politischen Sensibilität: Antisemitismus wird relativiert oder als Nebenwiderspruch behandelt. Diese Ungleichgewichtung führt dazu, dass antisemitische Narrative innerhalb bestimmter Szenen kaum reflektiert werden – oder Kritik daran als politischer Angriff interpretiert wird. Eine Linke, die den Anspruch hat, Herrschaft und Ideologie kritisch zu analysieren, kann es sich nicht leisten, antisemitische Denkmuster – offen oder strukturell – zu reproduzieren. Der Kampf gegen Antisemitismus ist kein Nebenwiderspruch, sondern integraler Bestandteil jeder emanzipatorischen Gesellschaftskritik.

Gegen Autoritarismus – auch wenn er antiimperialistisch daherkommt

Der Anspruch linker Politik war immer mehr als nur die Wahl der „richtigen Seite“ im geopolitischen Machtkampf. Emanzipatorische Politik bedeutet nicht, sich hinter den Gegnern des Westens zu versammeln, sondern Herrschaft als solche zu kritisieren – egal von wem sie ausgeht. Genau hier liegt das Problem autoritärer antiimperialistischer Strömungen. Wo politische Analyse durch Lagerdenken ersetzt wird, wo Staaten oder Bewegungen allein aufgrund ihrer Gegnerschaft zum Westen romantisiert werden, und wo Kritik aus den eigenen Reihen als Verrat diffamiert wird, hat die kommunistische Gesellschaftskritik sich selbst aufgegeben.

Eine Linke, die autoritäre Regime relativiert, antisemitische Narrative reproduziert oder gesellschaftliche Widersprüche auf einfache geopolitische Feindbilder reduziert, steht nicht mehr für Befreiung. Sie reproduziert lediglich andere Varianten derselben Herrschaftslogik, die sie zu bekämpfen vorgibt. Die Geschichte linker Bewegungen ist reich an Beispielen dafür, wohin solche Entwicklungen führen: zu dogmatischen Organisationen, zu autoritären politischen Kulturen und letztlich zu einer Politik, die mehr mit geopolitischer Loyalität als mit gesellschaftlicher Emanzipation zu tun hat. Gerade deshalb ist eine antiautoritäre Perspektive heute notwendiger denn je. Sie erinnert daran, dass Emanzipation nicht von Staaten, Parteien oder Avantgarden organisiert werden kann, gerade deswegen kann sie antiimperialistische Kritik nicht aufgeben. Koloniale Kontinuitäten, globale Ungleichheiten und militärische Machtpolitik sind reale Strukturen der Gegenwart. Entscheidend ist jedoch, diese Phänomene so zu analysieren, dass sie nicht selbst wieder in autoritäre Denkweisen umschlagen. Befreiung ist kein Projekt geopolitischer Machtverschiebung, sondern ein Prozess gesellschaftlicher Selbstorganisation. Eine emanzipatorische Perspektive muss deshalb zwei Dinge zugleich leisten: Sie muss Imperialismus kritisieren, ohne dabei die Kritik an Autoritarismus, Nationalismus und Antisemitismus aufzugeben. Nur so kann eine internationale Politik entstehen, die tatsächlich auf Befreiung statt auf neue Machtblöcke zielt. Das bedeutet auch, Konflikte innerhalb der eigenen politischen Szene nicht zu vermeiden. Eine Linke, die Kritik diffamiert, verliert ihre Fähigkeit zur Selbstreflexion – und damit letztlich auch ihre emanzipatorische Perspektive.


Kommentare

Hinterlasse einen Kommentar