22.06.2022: Krankheit als Kränkung – Narzissmus und Ignoranz in pandemischen Zeiten mit Uli Krug

22.06.2022, ab 18.30 Uhr im Autonomen Zentrum Aachen

Ankündigungstext:

Sars-Cov2 hat sich in vielerlei Hinsicht als Virus der Wahrheit entpuppt: Die Covid-19-Pandemie riss den Schleier von den Bedingungen der lokalen Billigproduktion, machte klar, dass die elenden Lebensbedingungen an den Ausgangspunkten der sogenannten globalen Wertschöpfungsketten nicht für ewig abgetrennt bleiben von denen an den Endpunkten: Das Abgedrängte kehrt dorthin per Tröpfcheninfektion zurück, die Realität bricht per Zoonose ein in die postmoderne Wunschwelt.

Auch hier enthüllt das Virus etwas – den maroden Zustand der öffentlichen Daseinsfürsorge zum einen, zum anderen aber, wie sehr sich Denken und Wahrnehmung bei vielen von eben jener Realität abgekoppelt haben, die in Form von Covid-19 mit Macht in den Alltag einbrach: Die Krankheit stört das Weltbild von Neoliberalen, Wohlstandschauvinisten, Nazis, Islamisten, Esoterikern, sogenannten Kulturschaffenden und Stammtischrevolutionären.

Wie die Pandemie entstand und warum sie Vorläufer besitzt und auch garantiert Nachfolger findet, ist ebenso Thema der Buchvorstellung von Uli Krug, wie Ursachen dafür, dass eben diese Pandemie so heftig geleugnet und bagatellisiert wird.

Einleitende Worte:

Liebe Freundinnen und Freunde, Genossinnen und Genossen, liebe Gäste

Wir, die Gruppe Roter Abriss freuen uns, euch heute Abend auf unserer zweiten Veranstaltung willkommen heißen zu dürfen. Wir bedanken uns beim Autonomen Zentrum, dass wir, trotz einzelner im Vorfeld geäußerter Unmutsbekundungen, die hiesigen Räumlichkeiten abermals nutzen können.

Die Coronapandemie, ihre Begleit- und Folgeerscheinungen machten deutlich, was aufmerksamen Beobachtern auch schon im Vorhinein nicht verborgen bleiben konnte: eine Kritik des gesellschaftlichen Seins zu leisten scheint die politische Linke hierzulande aber auch anderswo außerstande. Die Art, wie die Pandemie aufgenommen wurde, sowie die dargebotenen Reaktionen auf die von staatlicher Seite verhängten Maßnahmen legen davon klares Zeugnis ab. Unfähig, das Kapital als in sich antagonistische Totalität zu fassen, die ihre inneren Widersprüche krisenhaft prozessiert, lösen sie die im Gefolg der Pandemie aufgetretenen Konflikte grobschlächtig nach der einen oder der anderen Seite hin auf und erweisen sich im selben Zuge als narzisstisch gegen die reale Welt abgedichtete Charaktere, denen identitäre Selbstvergewisserung alles und kritische Einsicht in die materiellen Verhältnisse nichts gilt.

So deklamierte etwa die eine Fraktion dieses Spiegelgefechts, die Anhängerinnen und Anhänger der ZeroCovid-Kampagne, dass nun endlich der grundzynische Charakter der kapitalistischen Wirtschaftsweise für jedermann sichtbar zutage trete – als hätte es zu dieser Einsicht überhaupt noch einen weiteren Nachweis gebraucht. Nachdem man jahrelang den Geist der frühen dreißiger Jahre beschworen – man denke an den Vorfall aus dem Jahr 2020, als in Thüringen ein FDP-Ministerpräsident mit Stimmen der AfD ins Amt gelangte und allerorten ernsthaft ein zweiter Tag von Potsdam – nachdem man also jahrelang gegen einen erneuten Umschlag der bürgerlichen Gesellschaft in den Faschismus bekämpft und ob dieser völlig verzerrten Sicht der Dinge nur wenig Resonanz fand, hatte man nun einen neuen Kristallisationspunkt der eigenen Mobilisierung gewonnen. Und dankenswerterweise fand sich auch direkt eine altneue Bande von Idioten ein, die selbsternannten Querdenker, ein bunter Haufen braungrüner Esoteriker und Heilkundler, linksrechtsdeutscher Antisemiten und anderem Pack, auf die man öffentlichkeitswirksam eindreschen konnte. Was – zumeist – ausblieb war eine „rücksichtslose Kritik“ des chauvinistischen und arbeiterfeindlichen Pandemiemanagements, die wirklich an der Tagesordnung gewesen wäre. Stattdessen verblieb man in der Logik staatlicher Notstandspolitik und hielt dem Staat nurmehr vor nicht hart genug durchgegriffen zu haben.

Nicht minder elendig stellt sich jedoch der Stand antideutscher Kritik dar. Bar jeden empirischen Rückhalts ist hier Rede vom ‚Maßnahmenstaat‘ und ‚Volksgesundheit‘. Die staatlich ergriffenen Maßnahmen seit März 2020 gelten ihnen zum Teil als Griff zur Macht durch die Weltgesundheitsorganisation, in jedem Fall aber als radikale Selbstdeformation westlicher Staatlichkeit, unter der sie anscheinend nicht länger den Staat des Kapitals, sondern in libertär-anarchistischer Manier ein blind vor sich hin wucherndes Krebsgeschwür verstehen, das es einzudämmen gelte. Diese grundliberale anything-goes-Attitüde, nach der die Natur eben mache, was sie wolle und sich bloß der Staat raushalten soll, lässt sie in einen einen Naturfatalismus und -darwinismus zurückfallen, der selbst Malthus stolz gemacht hätte.

Die Gesellschaft, die sich dem Einzelnen gegenüber also stets auch als Verhängnis zeigt, zu kritisieren ist ebenso die Aufgabe von Ideologiekritik, wie es eine Kritik bürgerlicher – und das heißt stets beschädigter – Subjektivität und ihrer jeweiligen ideologischen Verarbeitungsversuche gesellschaftlicher Realität ist.

Um einen Beitrag zu dieser Kritik zu leisten haben wir Uli Krug eingeladen. Er lebt in Berlin und betätigt sich dort als Lektor und freier Autor. Kürzlich erschien sein für diese Veranstaltung titelgebendes Buch „Krankheit als Kränkung – Narzissmus und Ignoranz in pandemischen Zeiten“ beim Verlag Edition Tiamat. Dieses und weitere Bücher können im Anschluss am Büchertisch draußen erworben werden.