Mitte November vergangenen Jahres legte die Redaktion der Aachener Szenezeitung Tacheles im Duktus des langsam am Weltschmerz Verendenden ihre Unkenntnis in Bezug auf den sog. Nahostkonflikt offen:
„Normalität. Was nicht alles schon normal geworden ist. Krieg, Klimakatastrophe, Kapitalismus – alles ganz normal. Erschüttert wurde dieser graue Schleier der Realität durch den grauenhaften Überfall der Hamas auf Israel und der darauf folgenden todbringenden Reaktion der israelischen Regierung. Denn das massenhafte Ermorden Unbeteiligter, in Gaza und in Israel, durch Gewehre, Macheten, Raketen und Bombardements ist abscheulich in einem Ausmaß, das uns selbst in der heutigen, mit Leid und Grausamkeit übersättigten, Nachrichtenlandschaft schockiert, traurig und wütend gemacht hat. Wir haben uns bewusst dagegen entschieden uns auf die Schnelle einen Text zum Nahostkonflikt aus den Fingern zu saugen. Wir haben weder besondere Expertise, noch maßen wir uns an, hier einzigartige Lösungsvorschläge bieten zu können.“ (Tacheles Nr. 12, Editorial)
Ihre Unkenntnis ist an sich nichts, was die Redaktion in negativer Weise von der örtlichen linkspolitischen Szene abhebt und das Eingeständnis nicht zu verstehen, was vor sich geht, keine Schande. Im Gegenteil könnte beides der Ausgangspunkt für eine Überprüfung der in der eigenen Szene sedimentierten und meist unbewusst fortgeschleppten Annahmen, Rezeptionsmuster und Glaubenssätze sein. Doch für einen Lernprozess bietet die offensiv zur Schau gestellte Unkenntnis der Redaktion keinen Anlass, vielmehr führt sie im folgenden Absatz ihres Editorials fort, was der falsche „bothsidesism“ zuvor bereits vermuten ließ:
„Unsere Solidarität gilt den Oppositionellen und den Unterdrückten, denen, die sich für Kommunikation zwischen Palästinenserinnen und Israelis einsetzen, egal unter welcher Flagge sie beherrscht werden und auf welcher Seite der menschenverachtenden Grenzzäune sie leben.“ (ebd.)
Wer sagt, dass das Abschlachten von Israelis keine Kommunikation ist? Was durch und von der palästinensischen Vorhut des islamischen Vernichtungsantisemitismus kommuniziert wurde, ist ihre selbstmörderische Lust am Tod ebenso wie ihr Herrschaftsanspruch. Dabei macht es, anders als die Redaktion Tacheles suggeriert, für ihre tatsächlichen und prospektiven Opfer durchaus einen Unterschied, auf welcher Seite der Grenzzäune sie leben, denen hier in mystizistischer Rhetorik „Menschenfeindlichkeit“ als vermeintliches Wesensmerkmal zugeschrieben wird. Das Problem für Israelis auf der richtigen Seite des Grenzzauns war am 07.10. nicht, dass er existiert, sondern dass er nicht ausreichte, um die Mörder abzuhalten, sprich seine originäre Funktion nicht erfüllte.
Solche simplen wie unschönen Einsichten muss der publizistische Flügel der „no border, no nation“-Linken natürlich abwehren. Die Redaktion demonstrierte im Editorial stattdessen ihr für den Wohlstandsanarchismus typisches verschwurbeltes Verständnis von Herrschaft. Herrschaft wird von ihr undialektisch verabsolutiert, indem sie vom realen gesellschaftlichen Prozess abgelöst und mit ihren Symbolen falsch identifiziert wird, um am Ende der Kette unter einem rein abstrakten Herrschaftsbegriff die islamfaschistische Herrschaft im Gazastreifen mit der bürgerlich-kapitalistischen in Israel in einen Topf zu werfen. Die Markierung von Israelis – die ausgestattet mit Wahlrecht, Meinungs- und Versammlungsfreiheit zumindest innerhalb kapitalistischer Rahmenbedingungen Subjekte sein können und sollen – und den Bewohnern des Gazastreifens – die freiwillig oder nicht sich dem Jihad unterordnen – als gleichsam “Beherrschte” ist nicht weniger ideologisch. Klar ist, dass die Menschen auch in den bürgerlichen Demokratien beherrscht werden, mithin nicht der “Souverän” sind, wie es mancher Verfassungspatriot gerne hätte. Die Gleichsetzung ist dennoch infam, weil mit dem impliziten Absprechen von Handlungsfähigkeit “auf beiden Seiten” die Negierung von Verantwortung für den 07.10. ff. mit Paternalismus gegenüber israelischen Jüdinnen und Juden Hand in Hand geht.
Um es deutlich zu machen: Wenn alle überall nur (!) Beherrschte sind, ist niemand für das, was er tut, verantwortlich und alle Scheußlichkeiten können als vermeintlich unmittelbarer (!) Ausdruck von Herrschaft mystifiziert werden. Der im Namen von islamischer Ummah und palästinensischer Volksgemeinschaft Marodierende sei ein Opfer von Herrschaft und postkolonialer Unterdrückung, dem unter der Herrschaft der „palästinensischen“ Flagge schlicht die angemessenen Mittel vorenthalten werden, um eine angemessene „Kommunikation zwischen Palästinenserinnen und Israelis“ (Redaktion Tacheles) zustande zu bringen. Als wäre er ein willenloser Automat, wird ihm implizit abgesprochen, sich bewusst, zielgerichtet und aus tiefster Überzeugung am Massaker beteiligt zu haben.
Israelische Jüdinnen und Juden, die sich mit der tödlichsten antisemitischen Mordaktion seit der Shoah konfrontiert sahen, seien unterdrückt durch ein Herrschaftssystem, das lieber „menschenverachtende Grenzzäune“ (Redaktion Tacheles) erbaut, anstatt mit der Hamas zu kommunizieren. Ihnen wird das Vermögen abgesprochen, sich trotz der in Israel reichlich vorhandenen Kritik an israelischem Staat und Regierung – die die israelische Gesellschaft von der zunehmend formierten deutschen positiv abhebt – angesichts des mörderischen Antisemitismus und seiner Verharmloser dafür zu entscheiden, über politische Lager hinweg aus Einsicht in die Notwendigkeit prozionistisch zu sein und sich mithin als Subjekte innerhalb der herrschaftlich organisierten israelischen Gesellschaft zu begreifen.
Wie sehr die naive und damit um so gefährlichere Verkommenheit deutscher Friedensliebe und ihre Begriffslosigkeit in die linksradikale Politszene Aachens eingesickert ist, dafür gab es in den letzten Monaten kaum einen bündigeren Ausdruck. Dass hinter den großen Phrasen und dem Bemühen von Politik nur vortäuschenden Gemeinplätze die schiere Abwesenheit, teils regelrechte Abwehr jedes politischen Denkens steht, scheint in der Redaktion kein Unbehagen auszulösen. Kritik – wie sie im Untertitel der Zeitung versprochen wird – wird systematisch sabotiert, weil man sich, in Anlehnung an Marx gesprochen, vor den möglichen Ergebnissen der Kritik fürchtet. Deswegen wird folgenlos für Frieden und Verständigung lamentiert, anstatt zu tun, was durch Publizistik zumindest theoretisch möglich ist: Eine Kritik zu üben, die in den realen und abschaffungswürdigen Verhältnissen ihren Ausgangspunkt nimmt, um diese zu denunzieren, statt die Wogen zu glätten. Der wahnhafte und mörderische Antisemitismus, der sich am 07.10. erneut Bahn brach, ist auch ein Ausdruck dieser Verhältnisse, wenngleich dieser Umstand seine Exekutoren niemals von der Verantwortung für ihre Taten entbinden kann. Dies ins Bewusstsein zu holen, könnte die Aufgabe tatsächlicher Kritik sein, wie sie von der Redaktion Tacheles anscheinend programmatisch sabotiert wird:
„Die Kritik, die sich mit diesem Inhalt befaßt, ist die Kritik im Handgemenge, und im Handgemenge handelt es sich nicht darum, ob der Gegner ein edler, ebenbürtiger, ein interessanter Gegner ist, es handelt sich darum, ihn zu treffen. Es handelt sich darum, den Deutschen keinen Augenblick der Selbsttäuschung und der Resignation zu gönnen. Man muß den wirklichen Druck noch drückender machen, indem man ihm das Bewußtsein des Drucks hinzufügt, die Schmach noch schmachvoller, indem man sie publiziert.“ (MEW 1, S. 381)
Erweiterte Konzessionen an den antisemitischen Normalzustand
Altbekanntes Muster, neuer Tiefpunkt: Im Brustton der gratismutigen Überzeugung fusionieren falsche Äquidistanz und antisemitische Projektion.
Als im Frühjahr 2021 in Aachen eine 500 Personen starke antiisraelische Demonstration sowie zwei Kundgebungen gegen dieses Treiben abgehalten wurden, hielt man sich bei der Tacheles noch bedeckt und erwähnte beides nicht. Mittlerweile wird das „heiße Eisen“ jedoch angefasst, leider in der Form, die zu befürchten steht, wenn Leute, die angeben „keine besondere Expertise“ (Redaktion Tacheles) zu haben, sich der realen Bewegung des antiisraelischen Aktivismus öffnen. Im Unterschied zu 2021, als die entsprechenden Kundgebungen und Demonstrationen in der Tacheles-Rubrik „Protestkultur in Aachen“ keine Erwähnung fanden, ist dies heute angesichts der schieren Anzahl örtlicher antiisraelischer Hetzveranstaltungen mit linker Beteiligung schlicht nicht mehr möglich. Zieht man die Veröffentlichungen irgendwelcher Solifotos oder das Sprühen von Parolen von der Protestkultur-Aufzählung ab, bleiben im Wesentlichen Manifestationen „gegen Rechts“ und gegen Israel übrig. Unfreiwillig illustriert die aktuelle Ausgabe der Tacheles somit treffsicher das hiesige politische Elend in seiner ganzen Abstrusität. Von szeneinterner „Antisemitismuskritik“ offensichtlich nicht vollständig verschont geblieben, stellte die Redaktion ihrer Protestkultur-Rubrik diesmal einen Disclaimer voran:
„Auf einigen der hier aufgeführten propalästinensischen Demos kam es vereinzelt zu antisemitischen oder Hamas-verherrlichenden Vorfällen und Äußerungen. Selbstverständlich lehnen wir den antisemitischen Terror der Hamas ab.“ (Tacheles Nr. 13, Protestkultur in Aachen)
Offensichtlich wurde die Zeit zwischen dem Eingeständnis in der 12. Ausgabe, eigentlich nichts zum sog. Nahostkonflikt zu wissen und dem Erscheinen der 13. Ausgabe nicht dafür genutzt, das eigene Unvermögen zur politischen Einordnung und kritischen Bewertung des zeitgenössischen Vernichtungsantisemitismus zu beheben. Deswegen ist es nicht weniger als selbstverschuldete Unmündigkeit, wenn nicht erkannt wird, dass nicht einzelne Vorfälle auf den Palästinenserkundgebungen antisemitisch waren, sondern dass sie es in ihrem Kern sind. Jede dieser Kundgebungen und Demonstrationen, die in Aachen stets unter Beteiligung linker Oskars aus der Tonne ablaufen, ist eine Manifestation des antisemitischen Wahns, weil sich ihre Teilnehmer – egal ob „palästinensisch“, muslimisch oder links – nur für „die Palästinenser“ einsetzen, wenn es gegen Israel geht. Sie interessieren sich nicht für deren selbst- oder unverschuldetes Leid, sondern nehmen es zum willkommenen Anlass, dem Juden unter den Staaten heimzuleuchten. Die Unterbindung von „from the river to the sea“ Parolen, wie sie staatlicherseits besorgt wird, hilft dabei lediglich, den wesentlichen Motor für diese Gruselveranstaltungen zu verdecken und ändert überhaupt nichts an ihrem Charakter.
„Selbstverständlich“ lehnt die Tacheles antisemitischen Terror durch die Hamas ab. Die Unterstützung und das Relativieren dieses Terrors, der – wir sagten es bereits – nicht alleine der Hamas, sondern dem Großteil der palästinensischen Volksgemeinschaft zuzurechnen ist, hält man aber mittlerweile doch für erwähnenswert, wenn auch nicht in kritischer Absicht. Denn vorm Szenekonsens gibt es kein Entrinnen:
„Wir fanden es aber wichtig, den Protest gegen das Vorgehen der israelischen Armee und den Krieg im nahen Osten hier zu dokumentieren. Dabei stellen wir uns entschieden gegen alle Auslöschungsfantasien beider Konfliktparteien.“ (ebd.)
Geschehen ist, was von Beginn an erwartet werden konnte. Nachdem der Schock der Bilder aus den Kibbuzim abgeklungen ist und Israel mit militärischer Gewalt den von der Hamas bereits angekündigten zweiten 07.10. zu verhindern versucht, wird wieder auf die altbekannte Solidarität mit den unterdrückten Völkern umgeschwenkt. Der Skandal soll der Krieg selbst und nicht sein Anlass sein. Als hätte es auch nur den Hauch einer realen Konsequenz, inszeniert sich die Redaktion als wagemutiger Schiedsrichter gegen „Auslöschungsfantasien beider Konfliktparteien“ (ebd.). Altbekanntes Muster, neuer Tiefpunkt: Im Brustton der gratismutigen Überzeugung fusionieren falsche Äquidistanz und antisemitische Projektion.
Der reale Vernichtungswille der Hamas, der das Stadium der Fantasie am 07.10. für immer verlassen hat, wird als Ausgangspunkt genommen, um ihn Israel anzuhängen. Nur so lässt sich das eigene Rumgeeiere und krampfhafte Festhalten an der vermeintlich neutralen Position noch aufrechterhalten. Statt der sowieso in der Redaktion nicht gern gesehenen langen „theoretischen“ Ausführungen dazu unsererseits zwei Fragen an die Redaktion Tacheles und andere Antisemitismusversteher:
Wenn Israel den Gazastreifen vernichten will, warum gibt es ihn überhaupt noch?
Würde es Israel noch geben, wenn die militärischen Kräfteverhältnisse umgekehrt wären?
PS.
Am Samstag den 16.03.2024 wurde auf einer der besagten Zusammenrottungen gleich zweimal Israel explizit als Wiedergänger Hitlers bezeichnet. Wie nicht anders zu erwarten, gab es dafür mehrheitlich Applaus. Den Beteiligten aus der Aachener Linken entlockte es zwar den einen oder anderen Buhruf, wird sie aber auch in Zukunft nicht davon abhalten, als mittlerweile integraler Bestandteil des antisemitischen Mobs aufzumarschieren.
Kein Frieden mit Antisemiten!

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