Im Umgang der hiesigen Linken mit dem Angriff auf Israel vom 07. Oktober diesen Jahres besteht mehr als ein Problem. Zentral sind zur Zeit zwei, die diskutiert werden müssen, vor allem jedoch nach praktischen Konsequenzen verlangen: Nämlich erstens, dass der djihadistische Terror der Hamas getragen wird durch den breiten Rückhalt der palästinensischen Bevölkerung und zweitens, durch die Gesinnungsummah der Antiimperialisten legitimiert wird.
Allgemein besteht das utopische Ziel einer emanzipatorischen Linken in der Verwirklichung der freien Assoziation der Menschen unter dem höchstmöglichen Stadium an Luxus und Zivilisation, also unter anderem in der bestimmten Negation des von der Natur auferlegten Zustandes der Barbarei. Dieses Ziel kann weder theoretisch noch praktisch unberührt bleiben von dem Rückfall in die Barbarei, dem Zivilisations(ein)bruch, als dessen Chiffre Auschwitz fungiert und dessen Potential sich in veränderter Form auch in den vergangenen Wochen Bahn brach. Insofern hat die Staatsgründungslegitimation Israels, die wie jede andere zu einem gewissen Teil auf nationaler Mythenbildung basiert, durch die Shoah einen zusätzlichen Aspekt im Negativen erhalten. Die jüdischen Überlebenden und Verfolgten räumten sich mit der Errichtung nationaler Souveränität eben die Selbstverteidigungsrechte und vor allem -möglichkeiten ein, die ihnen bis zur ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts durch die Minderheitenpolitik der jeweiligen Herrscher verwehrt wurden.
Das fortgesetzte Bestreben Israels, seine Existenz zu sichern, ist eine Bemühung antifaschistischen Charakters. Dies zu erkennen, setzt voraus, dass der Antifaschismus Israels unter Berücksichtigung der historischen Situation des Zionismus nach Auschwitz sowie unter Reflexion des Fortbestands der ihre Insassen zum antisemitischen Wahn treibenden Gesellschaftsordnung verstanden wird. Insofern ist Israel Garant eines praktischen Antifaschismus, da es Selbstschutz in Form militärischer Verteidigung gegen Antisemiten jeglicher Couleur garantiert, für welche ‘die Juden’ stets als Objekt von Verfolgung und Vernichtung fungieren. Solidarität mit den Shoah-Überlebenden, den antisemitisch Verfolgten und das Anerkennen eines gesellschaftlich induzierten antisemitischen Vernichtungswillens ist dann die hinreichende Begründung einer linken Gruppierung außerhalb Israels zur Solidarität mit Israel.
Diese Solidarität basiert somit nicht auf einer blinden Identifikation mit der Herrschaft und Gewalt in bürgerlichen Gesellschaften. Ebenfalls bedarf Solidarität nicht des Schocks des Offenkundigen, das sich am 7. Oktober gezeigt hat: Nämlich, dass die Hamas in ihrem antisemitischen Wahn Zivilisten tötet, Frauen und Kinder schändet und blutige Massaker verübt, als sei dies nicht lange angekündigt und integrativer Bestandteil ihrer islamfaschistischen Ideologie. Ein solcher Angriff muss mit allen Mitteln abgewehrt und sich deswegen mit der israelischen Gesellschaft und ihrer Armee solidarisiert werden. Umso mehr, da sich bereits jetzt abzeichnet, dass die aufkommende Kritik an Abwehrkampf und Gegenschlag der IDF in falsche Äquidistanz umschlägt, so als ginge es um einen irgendwie rational zu fassenden Konflikt zwischen zwei Kriegsparteien, und nicht um die Verhinderung der Auslöschung Israels und seiner Bevölkerung, welche die erklärten Ziele der Hamas sind. Durch diese falsche Äquidistanz, die zeitgemäß im ausgewogenen Menschenrechtsjargon daherkommt, werden die antisemitischen Mörder entschuldigt. Dieser Zusammenhang wirft unmittelbar die Gewaltfrage auf und nötigt zur Differenzierung: Denn während die Gewaltakte der Hamas unmittelbare Ausdrucksform der Barbarei sind, ist der zwar ebenfalls und notwendigerweise gewaltförmige Kampf der IDF als praktischer Beitrag zur Entbarbarisierung zu verstehen. Für Adorno zeigte sich der Unterschied zwischen barbarischer und nicht-barbarischer Gewalt exemplarisch im unmittelbaren Aufgehen im Gewaltakt einerseits und in der Anwendung von Gewalt als eines Mittels zur Herstellung menschlicherer Zustände andererseits:
„Mein Verdacht ist, daß Barbarei überall dort vorliegt, wo ein Rückfall in primitive physische Gewalt stattfindet, ohne daß er in einer durchsichtigen Beziehung zu vernünftigen Zwecken der Gesellschaft steht, wo also die Identifikation mit dem Ausbruch physischer Gewalt gegeben ist. Während Gewalt dort, wo sie in einem transparenten Zusammenhang zu der Herbeiführung menschenwürdigerer Zustände auch in ganz eingeengten Situationen führt, nicht ohne weiteres als Barbarei verurteilt werden kann.“
Als die Hamas die Zäune entlang des Gaza-Streifens einriss, fiel mit den Selbstmordkämpfern zugleich ein Mob solidarischer, formal ziviler Palästinenser ein, der weder für die Herbeiführung menschwürdigerer Zustände kämpfte noch auf einen vernünftigen Zweck oder eine bessere Gesellschaft hinarbeitete. Als Repräsentanten islamfaschistischer Barbarei zeigten sich die Adiletten tragenden und in Raserei verfallenen Männer, die im Mob die gelynchten und bestialisch ermordeten IDF-Soldatinnen und Zivilisten zelebrierten, von denen sie annahmen, sie seien Jüdinnen und Juden. Der unmittelbare Rückfall in die Barbarei ging hier nicht ausschließlich von der Hamas aus, sondern äußerte sich in Form des in freudigen Blutrausch verfallenen zivilen Palästinensers: Die objektive Bewegungsform des sogenannten palästinensischen Volkskampfes. Dieser volksgemeinschaftliche Drang der palästinensischen Antisemiten macht die Entbarbarisierung des gesamten Gazastreifens notwendig, die nicht allein durch den militärischen Sieg über die Hamas zu erreichen sein wird. Hierfür kann der bewaffnete Kampf gegen den Terror und dessen Zerschlagung lediglich der Anfang sein. Durch die Intention der hierzu notwendigen israelischen Gewaltanwendung kann diese vom palästinensischen Gewaltausbruch abgegrenzt werden, da ein wie auch immer durchgeführter Gegenschlag der IDF eben zur Unterbindung des primitiven Hasses und Destruktionstriebes des antisemitischen Wahnsinns ausgeübt wird und somit der Herbeiführung menschenwürdigerer Zustände dient. Hiervon profitieren letztlich auch diejenigen Bewohner des Gazastreifens, die sich für ihr Leben mehr vorstellen können, als im Dienste Allahs alles für die Vernichtung Israels zu opfern.
Neben der Zerschlagung der Hamas als Organisation, die den Ausgangspunkt der Entbarbarisierung des Gazastreifens bilden muss, wird diese eine wie auch immer geartete Form der Reeducation umfassen müssen. Auf diese wird es langfristig ankommen, sollen Überfälle wie der vom 7. Oktober zukünftig verhindert werden. Denn, dass zwischen den Kampf der palästinensischen Bewegung und den antisemitischen Vernichtungswunsch nach Jahrzehnten UN finanzierter Indoktrination im Klassenzimmer und dem bereitwilligen Sekundieren westlicher Linker von Entebbe bis Documenta 15 kein Blatt passt, darf mittlerweile als bekannt vorausgesetzt werden. Prämisse für die zukünftige Verhinderung eines ‘7. Oktobers’ ist daher eine tiefergehende Kritik der gesellschaftlichen Strukturen in den Palästinensergebieten unter Einbeziehung des Umstandes, dass die wesentliche Basis der dortigen Gesellschaftskonstitution ein Konglomerat aus verschiedenen Fraktionen des politischen Islams, verstanden als klerikalfaschistischer politischer Bewegung, ist. Ausgehend hiervon ist der derzeit zu beobachtende und sich gegen Israel wie Jüdinnen und Juden gleichermaßen richtende eliminatorische Antisemitismus nicht als Randerscheinung einiger weniger Abweichler misszuverstehen.
Und täglich grüßt das Murmeltier?
Guterres hat Recht im Unrecht: Die Barbarei der Hamas ist weder eine im ‘luftleeren Raum’ entstandene Ausdrucksform einiger weniger Selbstmordkämpfer noch ein zu idealisierender irrer “nationaler Befreiungskampf”, wie es sich verlorene antiimperialistische Gestalten imaginieren, sondern die konkrete Erscheinungsform der Gesellschaftsformation im Gazastreifen. Auch die Kommunistische Organisation (KO) spricht inmitten ihrer Lügengeschichten die Wahrheit aus, wenn sie den “Widerstand” von Hamas und islamischem Djihad als einen bezeichnet, “der in all seinen Formen, zivil und bewaffnet, von der überwältigenden Mehrzahl des Volkes unterstützt wird”. Dessen Massenbasis in der breiten Bevölkerung verortet, ist die Hamas die politische Realität der Vernichtung jüdischen Lebens, mit der sich dann auch die ansonsten opponierenden palästinensischen Fraktionen solidarisieren können. Tun sie es nicht bedingungslos, wie zu Beginn des Krieges Abbas von der palästinensischen Autonomiebehörde, ist der Grund darin zu sehen, dass einzelne Fraktionen der palästinensischen Führung die Felle der großzügigen westlichen Finanzhilfen wegschwimmen sehen. Denn bisher heben sich die Palästinenser nicht nur dadurch von anderen Gruppen ab, dass sie ihren sog. Flüchtlingsstatus vererben, sondern ebenfalls durch die äußerst großzügige finanzielle und ideologische Unterstützung aus dem Westen. Ideologisch insofern, dass hüben wie drüben unter Absehung von individuellen oder gar Klasseninteressen eine Einheitsfront ausgerufen wird, die unter den Vorzeichen der Vernichtung zusammenkommt, und von der hiesige Linke wie die Gruppe Zora annehmen, dass die Hamas in ihr nur als eine unter vielen Organisationen zu bezeichnen sei:
“14 Organisationen beteiligen sich [an dem “Widerstand”], darunter auch fortschrittliche und sozialistische Gruppierungen, wie die Popular Front for Liberation of Palestine, kurz: PFLP. Die PFLP ist eine revolutionäre Kraft, unter der auch Leila Khaled und Ghassan Kanafani organisiert waren. Die bürgerlichen Medien heben derweil die politisch-islamische Hamas hervor, als wäre sie die einzige Kraft, die das palästinensische Volk gerade verteidige [sic!].”
Abgesehen davon, dass sich die bezeichneten Gruppen in Bezug auf ihren Vernichtungswillen gegen Israel gleichen wie ein Haar dem anderen, ist es aber weder die PLFP, Fatah oder sonst eine Gruppe, die eine breite Zustimmung der Palästinenser im Gazastreifen erfährt, sondern die Hamas, die dementsprechend als Katalysator des ‘Volkswillens’ anzusehen ist. Die öffentliche Zurschaustellung und Zurichtung von Gefangenen, die Schändung von Leichen, der Missbrauch von Unschuldigen und die systematische Vergewaltigung von als Jüdinnen verstandenen Frauen argumentieren Teile der deutschen Linken aber immer noch als ‘Verteidigungsakte’, feiern diese als emanzipatorische Projekte der Subalternen oder tun so, als seien dies notwendige Rander-scheinungen eines ansonsten legitimen Aufbegehrens. Es ist weder eine Randerscheinung noch ein situativer Gewaltausbruch, der selbstverständlich ebenfalls dergleichen nicht rechtfertigen würde. Vielmehr handelt es sich um die politische Form des eliminatorischen Antisemitismus, die im Vorfeld gemeinsam mit dem Iran und dessen Vertretern erarbeitet wurde, um gezielt gegen jüdisches Leben vorzugehen.
Die ekstatische Freude des Adiletten tragenden Mobs am Massaker an Juden wurde medial auf sozialen Medien ausgeschlachtet, wodurch Antisemiten weltweit live unter anderem mit Baklava mitfeiern konnten. Das Pogrom nach dem Angriff der Hamas-Avantgarde wurde zum partizipativen Event und bietet seitdem auch den heimischen Vertretern des “kompromisslose[n] Widerstand[es] des palästinensischen Volkes”, dem linken Flügel der Ummah, die Möglichkeit, Teil der ‘Al-Aqsa Flut’ zu werden. Im Namen der ‘wahren Religion’ haben sich frenetisch Wahnsinnige in einer antisemitischen Internationalen zusammengeschlossen, die aus aller Welt von ihresgleichen beklatscht wird. Den Zerstörungstrieb kanalisiert diese “Avantgarde” des palästinensischen Volkes, indem sie in Gewaltformen zurückfällt, die als große emanzipatorische Akte von antisemitischen Revoluzzern in Berlin, Duisburg und Aachen gefeiert werden. Diese notorischen Weltverschlechterer – sowohl die Avantgarde als auch deren Advokaten – drücken ihr eigenes verstümmeltes Wesen mit Solidaritätsbekundungen für diejenigen aus, die andernorts im ausgerufenen Djihad tatsächlich Menschen verstümmeln:
“Die heute drohende Form der Barbarei ist gerade die, daß im Namen von Ordnung, im Namen von Autorität, im Namen etablierter Mächte eben Akte begangen werden, die ihrer eigenen Gestalt nach die Ungereimtheit, den Zerstörungstrieb und das verstümmelte Wesen der meisten Menschen bekunden.”
Im Hamas zwar verurteilenden, aber gleichzeitig ihre Taten nachvollziehen wollenden linken Agitieren gegen Israel ist die Parteinahme für die Barbarei enthalten. Sie bekundet das verstümmelte Wesen ihrer Lautsprecher von Zora bis Kommunistische Organisation, die wiederum nur zwei Vertreter eines grundsätzlichen Problems sind. Und täglich grüßt das Murmeltier.
Die Trennung vollziehen
Die Anforderung ist nun, dass Handlungen nach den Statements ‘antisemitismuskritischer’ linker Gruppen folgen, die über ein Lippenbekenntnis hinausreichen. Was nun forciert werden muss, sollte eigentlich eine Selbstverständlich-keit sein: Nicht nur Gruppen wie die Zora und Kommunistische Organisation müssen aus linken Räumen und Bündnissen ausgeschlossen werden, sondern auch diejenigen, die unter dem Deckmantel postkolonialer und queerfeministischer Theorien Antisemiten hofieren. Zumindest wenn es der Linken ernst ist mit ihrem Kampf gegen Antisemiten, der sich eben nicht im abstrakten Problematisieren ‘jedes Antisemitismus’ erschöpfen kann. Es gilt, konkret den eigenen Laden aufzuräumen, in dem sich neben den genannten Gruppen noch viel zu viele andere Antisemitenbanden weitgehend unbehelligt herumtreiben. Sollte dies nicht gelingen, sei es aufgrund von Desinteresse, dem Bedürfnis nach Burgfrieden, oder weil sich die Antisemiten bereits die Meinungshoheit gesichert haben, bleibt nur der Bruch übrig und die Einsicht, dass aus Genossen politische Gegner werden können.
Denn Statements wie jenes der Gruppe Zora, für die das größte Übel die Medien, Zionisten und Antideutsche sind, verdeutlichen, wie fernab jeglicher Realität sich ein solcher Antiimperialismus bewegt und beweist, dass eine Entbarbarisierung nicht nur im Gazastreifen längst überfällig ist. Wer sich jetzt noch gemein mit den Freunden der Hamas macht, wer jetzt noch meint Judenhass könnte als ‘Antizionismus’ durchgehen, wer glaubt der Islam habe nichts mit dem Massaker zu tun, der ist Teil des Problems, weil er sich weigert, seine wohlfeile Antisemitismuskritik in praktische Konsequenzen zu überführen.
Schluss sein muss auch damit, voller Mitgefühl am Thema vorbeizureden, wie es auch in israelsolidarischen Kreisen um sich greift: jüdische Frauen und Zivilisten wurden von der Hamas nicht umgebracht, weil sie Frauen oder Zivilisten waren, sondern Juden. Für den Antisemiten besteht hier in seinem Hass kein Unterschied zwischen Frauen, Kindern, Soldaten und Greisen, wenngleich sich die gegen sie angewendete Gewalt unterscheiden kann. Die prozionistische Linke darf ebenfalls vor der sich anbahnenden realen Konsequenz ihrer Forderung ‘Free Gaza from Hamas’ nicht erschreckt zurückweichen. Denn die vergangenen Wochen haben gezeigt, dass dieses Ziel nicht mit, sondern gegen einen großen Teil der Bewohner Gazas durchzusetzen ist. Doch wie gesagt, ist die Entbarbarisierung auch innerhalb der Linken längst überfällig.

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