75 Jahre Israel – 75 Jahre praktischer Antifaschismus

Utopisches Ziel einer emanzipatorischen Linken ist die freie Assoziation der Menschen unter dem höchstmöglichen Stadium an Zivilisation und Luxus – Kommunismus. Dieses Ziel kann weder theoretisch noch praktisch unberührt bleiben von dem Rückfall in die Barbarei, dem Zivilisations(ein)bruch, als dessen Chiffre Auschwitz fungiert. Die Ermordung von sechs Millionen europäischen Jüdinnen und Juden ist die negative Staatsgründungslegitimation Israels, durch die sich die jüdischen Überlebenden und Verfolgten nationale Souveränität und Selbstverteidigungsrechte einräumten. Sie sind seither nicht mehr willkürlicher Minderheitenpolitik anderer Staaten unterworfen oder vom Gutdünken der jeweiligen Herrscher und Regierungen abhängig, sondern können bürgerliche Freiheitsrechte ihrer Vorstellung nach konstituieren. Dass der daran anknüpfende (Staats)Antifaschismus und die allgemeine antifaschistische Praxis gegen äußere Feinde unbedingt notwendig war, verdeutlichte sich im Rahmen der Staatsgründung, die es sofort militärisch zu verteidigen galt und seitdem gilt.

Als Bemühung antifaschistischen Charakters ist das fortgesetzte Bestreben Israels, seine Existenz zu sichern, jedoch nur erkennbar, wenn „Antifaschismus“ nicht dummdeutsch mit dem längst staatstragenden „Kampf gegen rechts“ verwechselt wird, sondern vielmehr unter Berücksichtigung der historischen Situation des Zionismus nach Auschwitz sowie unter Reflexion des Fortbestands der ihre Insassen zum antisemitischen Wahn treibenden Gesellschaftsordnung definiert wird.

Die spezifische historische Stellung Israels ist auch in der von Antisemiten immer wieder zwecks Delegitimation monierten Künstlichkeit des Staates wiederzufinden. Gerade das bewusste politische Zusammenkommen der Jüdinnen und Juden – dem völkischen Verständnis einer naturalistischen Volkssippe entgegengesetzt – hebt, anders als seine Kritiker, das emanzipatorische Potenzial des bürgerlichen Gleichheitsversprechens hervor. Denn das aus eben jenen historischen Erfahrungen von Antisemitismus, Vernichtungspraxis und Barbarei entstandene Zusammenkommen der Vereinzelten im Projekt Israel ist einzigartig. Israel ist insofern Garant des praktischen Antifaschismus, als es Selbstschutz in Form militärischer Verteidigung gegen Antisemiten jeglicher Couleur garantiert, für die die Juden stets Objekt von Verfolgung und Vernichtung sind. Dabei darf das zusätzlich mit emanzipatorischem Potenzial versehene Glücks- und Gleichheitsversprechen nicht als idealistische Begründung behandelt, sondern muss als ein Resultat dieser antifaschistischen Praxis angesehen werden.

Souveränität und die Fähigkeit zur militärischen Selbstverteidigung, damit auch der Antifaschismus Israels, sollte auf Grundlage dessen jedoch nicht romantisch zur Vorstufe eines kommunistischen Projektes per se verklärt werden. Es handelt sich bei den vor dem Nazi-Terror und den stalinistischen Säuberungen geflohenen Jüdinnen und Juden sowie bei ihren Nachkommen nicht um das Substitut des revolutionären Subjektes, sondern um konkrete Menschen unter besonderen historischen Bedingungen. Ihr Staat ist es, der den möglichen antisemitischen Umschlag von Zivilisation in Barbarei im Notfall abwehren soll. Solidarität mit den Shoah-Überlebenden, den antisemitisch Verfolgten und das Anerkennen eines gesellschaftlich induzierten antisemitischen Vernichtungswillens ist dann hinreichende Begründung einer linken Gruppierung außerhalb Israels zur Solidarität mit Israel.       

Die Ausgeburten ihres Kopfes sind ihnen über den Kopf gewachsen

Das Elend der akademischen Beschäftigung mit Antisemitismus besteht in doppelter Hinsicht. Der dort jüngst fabrizierte Unsinn sickert zeitverzögert in die sogenannte Zivilgesellschaft ein und wird durch dieses informelle Bündnis von Staat und politisierenden Selbstdarstellern wirksam. Es bleibt nicht bei konsequenzlosen Fleißarbeiten, sondern es bedienen sich die Antisemiten des Jargons der postkolonialen Studien. So war der Lumbung-Antisemitismus und die Fetischisierung des „Globalen Südens“ der zivilgesellschaftliche und künstlerische Ausdruck dessen, was seit Jahren im akademischen Betrieb und staatlich alimentiert unter Namen wie „postcolonial studies“ sein Unwesen treibt (vgl. Mbembe-Debatte, Initiative GG 5.3, Documenta 15, Historikerstreit 2.0).

Insbesondere eines gilt es an dieser zu kritisieren: Ihre Theoretiker*innen weisen die Präzedenzlosigkeit der Shoah zurück und negieren die Spezifik des Vernichtungsantisemitismus, indem sie ihn in ein fugenloses Kontinuum westlicher Gewalt und Unterdrückung einreihen. Eine Kontinuität zwischen Kolonialverbrechen und Shoah wird behauptet (vgl. z.B. Zimmerer), wobei beide als Praxis der Herrschaftsausübung mittels der Konstruktion rassifizierender Trennungen verstanden werden.  Aus dieser Perspektive, der ein unterkomplexer Kurzschluss zwischen Macht und Herrschaft zugrunde liegt, erscheint der Antisemitismus als Beispiel des Distinktionsmoments der westlich-bürgerlichen Mehrheitsgesellschaft, dessen Opfer schließlich weniger die als westlich und europäisch (weiß) imaginierten Juden, sondern der als „fremd markierte globale Süden“ darstellen. Nicht verwunderlich also die spezifisch post-koloniale Haltung zu Israel, welches als Außenposten ebenjener westlichen Gewalt verunglimpft wird: Die Behandlung „der Palästinenser“ sei schlimmer als die Apartheid in Südafrika. Mit der Realität hat das wenig zu tun, spricht aber genau denen nach dem Munde, die ihren antisemitischen Wahn im „Sinne [der] Dekonstruktion“ einer halluzinierten „israelsolidarischen Hegemonie“, eines „vor allem in Deutschland unhinterfragten einseitigen Narrativs“ (Palästina Antikolonial Münster) ausleben.

In diesen Bann geraten auch die deutschen Erinnerungsweltmeister. So soll in einem „produktiven Akt“ (Rothberg) die „globale Ikone des Holocaust“ (Assmann) benutzt werden, um anderen Verbrechen zu gedenken. Diese Relativierung von Antisemitismus und Shoah breitet schlussendlich eine funktionalistische Sicht aus, die einer nachträglichen Sinnstiftung gleichkommt und gleichzeitig den Nachkommen der Täter als Entlastung dient. Dies impliziert wiederum nicht nur die Notwendig- und damit Ewigkeit des Judenhasses, sondern ist blind für die wahnhafte Dimension des antisemitischen Subjekts und die Erkenntnis, dass es zwar die Strukturen waren, die es zum Bau von Auschwitz getrieben haben, es aber menschliche Subjekte waren, die die Lager betrieben.

Nicht viel besser ist es um diejenigen bestellt, für die der Antisemitismus zu einem Untersuchungsgegenstand gerinnt, welcher im akademischen Laboratorium seziert wird, um neue Theoriekonstrukte wie potemkinsche Dörfer zu fabrizieren. Bewaffnet mit Elementen antideutscher Theoriebildung, minus ihrer gesellschaftskritischen Implikationen, diskutieren sie klinisch den Gegenstand. Der reale Vernichtungswille der antisemitischen Massenbasis, insbesondere im sich seit 1948 auch gegen Israel richtenden djihadistischen Faschismus, wird verdeckt durch linguistische Analysen. Den Antisemiten – der immer der Andere ist – ausfindig zu machen, scheint wichtiger, als die gesellschaftlichen Gründe des Antisemitismus zu zerschlagen; für Letzteres würde wohl auch kaum ein „Demokratie Leben!“ oder DFG-Fördermittelantrag durchgewunken.

Der Website des Tikvah Instituts, das sich als „Scharnier zwischen Wissenschaft und Bildung im Bereich der Antisemitismus-bekämpfung“ versteht, kann man z.B. folgendes entnehmen: Antisemitismus sei ein „Narrativ“, welches es „zu dekonstruieren“ gelte. Man operiert mit denselben Begriffswerkzeugen wie Palästina Antikolonial, nur gibt es andere Narrative zu dekonstruieren. Und auch hier findet, wenngleich weniger aggressiv, eine akademisch getrimmte Relativierung statt. So wie in den postcolonial studies et al., deren Ignoranz für die politischen Konsequenzen ihres Schaffens eine reale Gefahr für Jüdinnen und Juden darstellt. Das Hinterherhecheln nach jeder akademischen Modeerscheinung scheint Programm zu sein: Der Antisemitismus speise sich daraus, „die Moderne abzuwehren und sich gegen die Geschwindigkeit des Wandels aufzulehnen“. Der berechtigte Hass auf falsche Verhältnisse, die den Einzelnen abverlangen, sich immer neuen Produktionsweisen zu unterwerfen, die sie tendenziell überflüssig machen, gerinnt zum prinzipiell antisemitischen Motiv. Wem die gesellschaftlichen Ursachen des antisemitischen Wahns nebensächlich sind, kann diesen nicht der Kritik unterziehen, stattdessen wird er zum ewigen Antisemitismus, welcher „nicht gänzlich […] [v]erschwinden“ kann. Mit der Anerkennung der Herrschaft von Kapital und Staat geht noch bei seinen Kritikern die Verewigung des Antisemitismus einher.

Für politische Solidarität

Weder philosemitische Schrullen noch die Sicherung des Ansehens Deutschlands oder eine angenommene Bereicherung im staatlich forcierten Karneval der Kulturen eignen sich als Grundlage einer politischen Solidarität mit Israel, da sie den antifaschistischen Charakter Israels, der sich aus seiner Stellung in der antagonistischen Weltgesellschaft ergibt, systematisch verkennen. Hierauf basierende Solidaritätsbekundungen sind im Zweifelsfall nicht viel mehr als Geschmacksfragen. Lediglich als Konsequenz aus der materialistischen Kritik einer Vergesellschaftung, die als unverstandenes „Netz dynamischer Kräfte“ (Postone) den welterklärenden Antisemitismus mit schlafwandlerischer Sicherheit produziert, kann als Ausdruck politischer Solidarität formuliert werden: Happy Birthday, Am Israel Chai.


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