2023

13.11.2023

Tod und Terror: Zur notwendigen Entbarbarisierung der palästinensischen Bewegung

Im Umgang der hiesigen Linken mit dem Angriff auf Israel vom 07. Oktober diesen Jahres besteht mehr als ein Problem. Zentral sind zur Zeit zwei, die diskutiert werden müssen, vor allem jedoch nach praktischen Konsequenzen verlangen: Nämlich erstens, dass der djihadistische Terror der Hamas getragen wird durch den breiten Rückhalt der palästinensischen Bevölkerung und zweitens, durch die Gesinnungsummah der Antiimperialisten legitimiert wird.

Allgemein besteht das utopische Ziel einer emanzipatorischen Linken in der Verwirklichung der freien Assoziation der Menschen unter dem höchstmöglichen Stadium an Luxus und Zivilisation, also unter anderem in der bestimmten Negation des von der Natur auferlegten Zustandes der Barbarei. Dieses Ziel kann weder theoretisch noch praktisch unberührt bleiben von dem Rückfall in die Barbarei, dem Zivilisations(ein)bruch, als dessen Chiffre Auschwitz fungiert und dessen Potential sich in veränderter Form auch in den vergangenen Wochen Bahn brach. Insofern hat die Staatsgründungslegitimation Israels, die wie jede andere zu einem gewissen Teil auf nationaler Mythenbildung basiert, durch die Shoah einen zusätzlichen Aspekt im Negativen erhalten. Die jüdischen Überlebenden und Verfolgten räumten sich mit der Errichtung nationaler Souveränität eben die Selbstverteidigungsrechte und vor allem -möglichkeiten ein, die ihnen bis zur ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts durch die Minderheitenpolitik der jeweiligen Herrscher verwehrt wurden. weiterlesen

29.08.2023

Gegenhalten – Gegen die AfD und die Aachener Einheitsfront

Eines vorweg: Wir halten die AfD weder für die einzige Stimme der Restvernunft im Bundestag, noch für Verteidiger des Westens, der in Deutschland aufgrund fehlender gesellschaftlicher Substanz seit jeher einen schlechten Stand hat. Wenn also am 09.09. ein Maximilian Krah unter dem Wahlspruch „keine Einwanderung, sondern Volk!“ versucht, den Höcke-Kurs der AfD nach Westdeutschland zu tragen, ist Widerspruch nötig. Denn dieser Kurs und dessen Parameter – Blut-und-Boden-Ideologie, Ethnopluralismus, Antisemitismus – soll das faschistische Bündnis zwischen AfD-Elite und Wählermob vorbereiten, über das sich die deutsche Volksgemeinschaft wieder konstituieren soll. Auf lokaler Ebene zeigt sich jedoch: Aachen ist nicht Sonneberg. Es darf bei Aachener Antifaschisten als bekannt vorausgesetzt werden, dass Markus Mohr und sein Kamerad Wolfgang Palm im Rat seit Jahren keinen Fuß auf den Boden kriegen.

Das Problem an der sich formierenden breiten Front mehr oder minder staatsnaher politischer und zivilgesellschaftlicher Gruppen ist nicht, dass gegen die AfD protestiert wird, sondern welche Allianzen eingegangen werden, um diesen Protest praktisch umzusetzen. Es müsste bei manchen Beteiligten zu einer kognitiven Dissonanz führen, einerseits zu Anlässen wie dem alljährlichen Pogromnachtsgedenken von „nie wieder“ und „gegen jeden Antisemitismus“ zu reden und sich dann aus aktuellem Anlass mit völkischen Antizionisten zu verbünden. weiterlesen

03.06.2023

Das Volk ist tot, es lebe das Wir

I) “Du bist Deutschland!”[1] / “Wir (alle) sind das Volk”[2]
Klima-Krise und Corona-Pandemie zuletzt Ukraine-Krieg und seit neuestem andeutungsweise die revolutionären Tendenzen im Iran: Ihnen allen ist gemein, dass sie in Deutschland – aber nicht nur hier – zwecks politischer Mobilmachung von einigen wenigen politischen Aktivist*innen verwertet, von dem Rest der Gesellschaft passiv hingenommen werden. So ganz will weder eine einheitsstiftende Klimabewegung[3], eine Solidargemeinschaft noch eine neuerliche Friedensbewegung zustande kommen.

“Du bist Deutschland!” fordern nicht einzig marketingstrategische Kampagnen, sondern vor allem diejenigen, die ihr gekränktes Ego mit Hilfe narzisstischer Überhöhung aufzupolieren suchen. Ihr damit verknüpftes verborgenes Motiv, zu kompensieren was weder Selbsthilfe noch Betriebspsychologie zu richten vermögen, nämlich die Ausmerzung all der objektiven Ungerechtigkeiten, die den Meisten im Kapitalverhältnis widerfahren und sie beschädigen, ist eine – jedoch nicht die Einzige – Voraussetzung der narzisstischen Überhöhung des Selbst.[4] Die Analyse dieses betrügenden Appells zur Einreihung in das Zwangskollektiv hatte historisch wichtige Funktionen[5]: Aktuelle Berichte und neue Versuche über die tatsächliche und vermeintliche Verführer*innen der Faschisierung des Volkes[6], des Fortwesens des Autoritativen und dergleichen apokalyptische Prognosen wirken selektiv, weil sie unzeitgemäß sind.[7] Als Apologeten einer Endzeitstimmung prognostizieren sie den Rückfall in die Barbarei Das Heilsversprechen aus dem tiefen autoritären Wunsch bürgerlicher Individualisierung entstammend, liefern sie mit: “Wir sind das Volk” – eben nicht die Anderen, das Dunkeldeutschland. weiterlesen

14.05.2023

75 Jahre Israel – 75 Jahre praktischer Antifaschismus

Utopisches Ziel einer emanzipatorischen Linken ist die freie Assoziation der Menschen unter dem höchstmöglichen Stadium an Zivilisation und Luxus – Kommunismus. Dieses Ziel kann weder theoretisch noch praktisch unberührt bleiben von dem Rückfall in die Barbarei, dem Zivilisations(ein)bruch, als dessen Chiffre Auschwitz fungiert. Die Ermordung von sechs Millionen europäischen Jüdinnen und Juden ist die negative Staatsgründungslegitimation Israels, durch die sich die jüdischen Überlebenden und Verfolgten nationale Souveränität und Selbstverteidigungsrechte einräumten. Sie sind seither nicht mehr willkürlicher Minderheitenpolitik anderer Staaten unterworfen oder vom Gutdünken der jeweiligen Herrscher und Regierungen abhängig, sondern können bürgerliche Freiheitsrechte ihrer Vorstellung nach konstituieren. Dass der daran anknüpfende (Staats)Antifaschismus und die allgemeine antifaschistische Praxis gegen äußere Feinde unbedingt notwendig war, verdeutlichte sich im Rahmen der Staatsgründung, die es sofort militärisch zu verteidigen galt und seitdem gilt. weiterlesen