Die heutige Veranstaltung wird von Krankheit in einer kranken Gesellschaft handeln. In den Minima Moralia schreibt dazu Theodor W. Adorno:
„Vor den Begriffen des Gesunden und Kranken, ja den mit ihnen verschwisterten des Vernünftigen und Unvernünftigen selber vermag Dialektik nicht Halt zu machen. Hat sie einmal das herrschende Allgemeine und seine Proportionen als krank (…) erkannt, so wird ihr zur Zelle der Genesung einzig, was nach dem Maß jener Ordnung selber als krank, abwegig, paranoid – ja als ‚verrückt‘ sich darstellt.“
Befällt eine Krankheit einen Körper, so ist dieser in seiner herkömmlichen oder ’normalen‘ – organischen Funktionsweise gestört, womöglich sogar in seinem Überleben selbst bedroht.
Die Krankheit gelangt zur ‚Krisis‘ – zum Punkt, an dem sich der Verlauf der Krankheit entscheidet, ob der Kranke genest oder ob ihn das Schlimmere, gar das Schlimmste ereilt. Waren und sind die meisten Lebewesen diesem Übel schicksalhaft ausgeliefert, übt sich die Menschengattung den ganzen Verlauf ihrer Kulturgeschichte über, bis heute, darin, dem Schicksal zu entrinnen. Die erste Natur in der zweiten, der gesellschaftlichen, vermittelnd, ihre rohe Macht bedrohend, sucht sie den Druck der Natur, welcher auf menschlichem Leben lastet, zu lindern.
Gleichwohl war die Kultur nie ein Verein freier Menschen, dem es um ein Reich der Freiheit, einen gesellschaftlichen Zustand ohne Hunger und Gewalt zu tun war. Der Preis des kollektiven Überlebens war stets die Selbstpreisgabe, die Durchstreichung der eigenen Individualität, Anpassung an das gesellschaftliche Ganze. So vernünftig der Zusammenschluss, die Unterordnung des Einzelnen unter ein Gemeinwesen, auch sein mag, die gesellschaftliche Vernunft waltete immer auch im Modus der Unterdrückung, der Ausbeutung, der Verfolgung des Einzelnen. Gesellschaft regelt unser Überleben, d.i. ihre eigene Reproduktion, indem sie die Individuen systematisch zerreißt, zerreibt und zurüstet; das Kapital, indem es die Menschen nicht als Zwecke an sich selbst gelten lässt, sondern als Mittel zum Zweck der eigenen Verwertung vernutzt.
Dies ist es, was allerorten unter dem unschuldigen Titel ‚Normalität‘ firmiert. Eine Normalität, welche die Menschen jeden Tag anhält, das Gros ihrer Lebenszeit auf ihnen äußerliche und oft nutzlose Tätigkeiten zu verwenden; ungeheure Mengen stofflichen Reichtums herzustellen, der in verkehrter Form, in Geld, erscheint; eine Normalität, die, um immer neue Wege sich schnell erschöpfender Kapitalakkumulation zu eröffnen, systematisch Wohlstand vernichtet, Massen in Armut stürzt oder dort hält, Kriege entfacht; es ließen sich viele weitere solcher Übel aufzählen. Ihnen allen ist gemein, dass sie Symptome sind, Oberflächenerscheinungen einer Krankheit, die System hat. Eine Gesellschaft, die ihrem Pathos nach das Überleben ihrer Mitglieder gewährleistet und doch, um ihres eigenen Überleben willen, unablässig Leben und Existenzen, deren Zahl Legion ist, zerstört. In einer kranken Gesellschaft, besser: einer Gesellschaft, die eminent Krankheit ist, von Krankheit zu sprechen, muss einen in Widersprüche verwickeln, in ein heilloses Ineinander kaum säuberlich zu trennender, dafür einander heftig widerstreitender Kategorien stürzen.
Wir wenden uns gegen die abgeschmackte Maxime Brechts, nach der 1000 Augenpaare der Partei mehr sähen als ein Einzelnes und verlassen uns mit Adorno auf vereinzelte kritische Augenpaare, denen an der Analyse des Teils die Einsicht in das falsche Ganze aufgeht, auf dass die Erkenntnis des Falschen bereits Index des Besseren, Richtigeren ist.
Der Diskurs über die Corona-Pandemie stand von Anfang an im Zeichen der Normalität. Eine verlorene Normalität – nichts mehr würde so sein, wie es einst war, wie es Charaktermasken der herrschenden Politik verlauten ließen, wir alle müssten jetzt die Gürtel enger schnallen, Verluste in Kauf nehmen. Eine verratene Normalität – wie es aus den Mündern der irre Gewordenen hieß, welche die Gefahr einer Krankheit, welche, wenngleich nicht allzu tödlich, sich gleichwohl unkontrolliert auszubreiten und damit verheerenden Schaden anzurichten anschickte. Diese beiden Seiten einer im Widerspruch verfassten Realität wurden aus dem genannten unübersichtlichen Ineinander mit Gewalt isoliert und in Fetische verwandelt. Die Parteigänger der einen machten sich unversehens zu Bütteln einer Staatspolitik, die nur bedingt etwas auf den Schutz von Menschen gab, nämlich hinter den Kulissen laut tönender Lebensrettungspropaganda fortwährend osteuropäische Gastarbeiter zu Dumpinglöhnen Drecksarbeit machen ließ, Pfleger und Ärzte zwar beklatschte, aber ihnen kaum materielle Abhilfe schaffte u. dgl. Um den Blick von derlei Scheußlichkeiten abzulenken, wurde, im Einklang mit der neoliberalen Doktrin, der Einzelne in die Pflicht genommen. Wer sich dem entgegenstellte, galt schnell als asoziale, rücksichtslose, mitmenschenmordende Coronasau.
Statt das Staatsversagen und die, die Kosten der Krise auf die Schwächsten abwälzenden anzuprangern, nahm man, auch in der Linken, vorwiegend die Querdenker ins Ziel. Freilich lässt es sich mit einem Staat im Notstand auch recht schlecht diskutieren, während man im Kampf gegen Nazis und Querdenker sich vom Juste Milieu der Bundesrepublik beklatschen lassen kann. Indes steht es um die sogenannten ‚Maßnahmekritiker‘ kaum besser. Im Land der unbegrenzten Zumutbarkeiten, in dem die Aufklärung nie einen guten Stand hatte und die Impfquote entsprechend ausfallen, streitet sich das Milieu der selbsterklärten Widerständler gegen den vermeintlichen Corona-Faschismus mit der Mehrheit darum, wer durch ein Mehr an bösartiger Borniertheit punkten kann. Eine buntscheckige, ihrem Klassenstandpunkt nach schwer einzuordnende Bewegung, in der sich Friedensbewegte, Esoteriker und linke Nazis die Hand reichen, entsprechen sie genau dem von Elias Canetti in ‚Masse und Macht‘ entworfenen Portrait des Mitglieds einer aufgehetzten Meute:
„Seine Abwehr gegen neue Befehle wird (…) zu einer Lebensfrage. Er versucht sie nicht zu hören, um sie nicht annehmen zu müssen. Muß er sie hören, so versteht er sie nicht. Wenn er sie verstehen muß, weicht er ihnen auf frappante Weise aus, indem er das Gegenteil von dem tut, was sie ihn heißen. Sagt man ihm, er soll vortreten, so tritt er zurück. Sagt man ihm, er soll zurücktreten, so tritt er vor. Man kann nicht behaupten, daß er so vom Befehl frei ist. Es ist eine ungeschickte, man möchte sagen ohnmächtige Reaktion, denn auf ihre Weise wird sie doch vom Inhalt des Befehls bestimmt.“
Unbenommen dessen macht sich diese Meute als ‚Verfassungsbewegung‘ wichtig und ihr sich ‚Demokratischer Widerstand‘ schimpfendes Presseorgan entblödet sich nicht die, obschon tatsächlich schlecht umgesetzte staatliche Impfkampagne als ‚genozidales Massenexperiment der Pharmaindustrie‘ zu bezeichnen, wo es dann auch kaum Wunder nimmt, dass Leute, die so was lesen, mit Judensternen auf der Brust hausieren gehen. Diesem Pack, das sich als letzte Bastion liberal-bürgerlicher Freiheitsrechte geriert, wäre, nach einem Wort von Karl Kraus, entgegenzuhalten, dass das Recht auf freie Meinungsäußerung nicht um ihrer geschmacklos-dummen Ergüsse willen erkämpft wurde.
Hätten in vernünftigeren Verhältnissen, in denen Hunger ein Anlass wäre, mehr Lebensmittel zu produzieren, und Krankheit einer, um die Menschen besser vor ihr zu schützen und zu versorgen, müssten wir über diese Dinge nicht reden. In kranken Verhältnissen, besser: in Verhältnissen, die eminent Krankheit sind, ist es nicht leicht, von Krankheit zu reden. Kommunistische Kritiker stehen, in einer Welt, die sie und alle anderen zur Ohnmacht verdammt, vor der Schwierigkeit nein zu sagen: nein zum Staat und seiner repressiven Gemeinschaftsduselei, nein zu linken wie rechten Feinden der Aufklärung, nein zu Verhältnissen, die das, was sich in den letzten knapp zwei Jahren ereignet hat, geschehen lassen. Nein zu sagen gegen den Verrat an einer menschlichen Welt, ohne sich selbst durchzustreichen. Denn, wie Klaus Heinrich es traurig-schön auf den Punkt gebracht hat:
„Erkennen für eine bessere Welt ist eine schöne Aufgabe. Doch Überwintern ist häufig die einzige, ungemein anstrengende, die bleibt.“
Dieser Aufgabe treu bleibend, suchen wir kein Heil in einem der zahlreichen linken Schrebergärten, in einer der unzähligen linken Banden, die sich gegen Kritik abschotten, und deren Unwesen sich während der Pandemie in aller Deutlichkeit gezeigt hat. Wir wenden uns gegen die abgeschmackte Maxime Brechts, nach der 1000 Augenpaare der Partei mehr sähen als ein Einzelnes und verlassen uns mit Adorno auf vereinzelte kritische Augenpaare, denen an der Analyse des Teils die Einsicht in das falsche Ganze aufgeht, auf dass die Erkenntnis des Falschen bereits Index des Besseren, Richtigeren ist.

Hinterlasse einen Kommentar