Gründungserklärung

„Tatsache ist, dass wir im Augenblick nicht wissen, ob ein ‚Verein freier Produzenten‘ oder ‚Verein freier Menschen‘ – Marxens Umschreibung für das, was der Kommunismus wäre – möglich oder der Kapitalismus unvermeidlich ist. Wir wissen es einfach nicht, und in dieser Situation hilft ein fester Glaube allein nicht weiter. Der Kommunismus existiert nun schon so lange ausschließlich im Ideenhimmel, dass man anfangen muss, daran zu zweifeln, ob er überhaupt jemals auf die Erde niederkommt. Um den Zweifel abzutöten, braucht man inzwischen schon fast die Glaubenskraft der frühen Christen. Ich bewundere Leute, die solche Glaubenskraft besitzen, ich selbst gehöre leider nicht dazu.“

– Wolfgang Pohrt, Kapitalismus Forever –

I.

Kommunistische Kritik und Praxis zehrten seit den frühen Anfängen bürgerlicher Gesellschaft davon, dass das Telos einer befreiten Gesellschaft, obgleich sie nicht in greifbarer Nähe schien, als unzweifelhafte Gewissheit galt. Die aufstrebende Bewegung der europäischen Arbeitermassen im ausgehenden 19. und der Rote Oktober in Russland zu Beginn des 20. Jahrhunderts schienen dieses Vertrauen zu rechtfertigen. Bei aller radikalen Kritik am sozialdemokratischen Reformismus auf der einen und der an den tyrannischen Auswüchsen des Stalinismus auf der anderen Seite, standen sie beide ein für die Einlösung des marxschen Versprechens: ein Verein freier Menschen sei möglich. Diese Hoffnung widerstand allen Einsichten Kritischer Theorie in die fortschreitende Integration subversiver und devianter Potentiale sowie in die Totalisierung des Verblendungszusammenhangs und sogar der offenen Barbarei des nazistischen Vernichtungswahns in der Shoah. Doch nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion implodierte diese schlechte Autosuggestion mit einem Schlag und noch der kleinste Hoffnungsschimmer wurde zunichte. [1]

Im Nachgang verkamen linksradikale Kritik und Praxis immer mehr zum Possenspiel: die Intellektuellen ergingen sich wahlweise in quietistischer Akklamation an die bestehenden Institutionen oder bildeten Endzeitsekten, die sich von der augenscheinlichen Unsterblichkeit des Kapitals wider alle Vernunft nicht entmutigen lassen wollten; die radikale Linke selbst begnügte sich mit Ticket-Denken, der Regression in der Gruppe, der Überidentifikation mit dem eigenen Laden und der regelmäßigen Simulation aufständischer Szenen. [2] Sie allesamt haben sich Routinen zugelegt, um sich mit der unwiderstehlich fortbestehenden Herrschaft des Kapitals zu arrangieren. „Routiniertsein heißt, seine Idiosynkrasien geopfert, die Gabe, sich zu ekeln, preisgegeben haben. Und das macht schwermütig.“ [3] Doch auch Benjamins Appelle an das revolutionäre Vermögen, sich vor dem Grauenhaften, das tagtäglich geschieht, zu ekeln, bestehen kaum im Angesicht der völligen Ohnmacht des Einzelnen vor dem Ganzen.

II.

Kurz: der Kommunismus hat in all seinen Spielarten abgewirtschaftet. Nichts, so scheint es, kann einen noch dazu bewegen, bar eines fanatischen aber an der Realität abprallenden Glaubens, für eine freie Weltgesellschaft zu kämpfen.

Doch Freiheit ist keine reine Kopfgeburt; sie bedarf stets dessen, was Adorno ‚das Hinzutretende‘ genannt hat. Die Abwesenheit einer Teleologie, eines vernünftigen Endzwecks der Geschichte, liquidiert sie nicht ohne Rest. „Der Impuls, die nackte physische Angst und das Gefühl der Solidarität mit den, nach Brechts Wort, quälbaren Körpern, der dem moralischen Verhalten immanent ist,“ [4] bleibt und damit die Aufgabe kommunistischer Ideologiekritik, „Leiden beredt werden zu lassen“. [5] Diese Einsicht in das Fortwähren des Elends und der Gewalt nötigte zur Eile; aber das Schicksal und die Niederlagen der realexistierenden Linken in den vergangenen Jahrzehnten fordern Innehalten und Reflexion. Deren Praxis, motiviert durch das richtige Gebot, dass es so nicht weitergehen dürfe, war durch die Übermacht der Gesellschaft zum Scheitern verurteilt. Ihre Blindheit in dieser Sache machte sie im besten Fall zahnlos und im schlimmsten zur Komplizin desjenigen Bestehenden, das sie abzuschaffen suchte: „Falsche Praxis ist keine. Verzweiflung, die, weil sie die Auswege versperrt findet, blindlings sich hineinstürzt, verbindet noch bei reinstem Willen sich dem Unheil“. [6] In ihr verdoppeln sich blinde Betriebsamkeit und instrumentelle Vernunft, Kennzeichen kapitalförmiger Vergesellschaftung.

III.

Im frühliberalen Zeitalter begann das Kapital mit aller Gewalt, die feudalen und vormodernen Ordnungen, welche die Menschen tendenziell auf dem Niveau bloßer Subsistenz fesselten und auf ihren festen Platz in der göttlichen Ordnung verwiesen, zu sprengen. In Marx‘ Worten: „Alles Ständische und Stehende verdampft, alles Heilige wird entweiht, und die Menschen sind endlich gezwungen, ihre Lebensstellung, ihre gegenseitigen Beziehungen mit nüchternen Augen anzusehen.“ [7] Die Entfesselung der Produktivkräfte entfaltete den Bedürfnisreichtum der Menschen und die erstmals als Zweck an sich selbst gesetzte Produktion stellte auch die stofflichen Mittel zur Befriedigung desselben bereit. Während radikale bürgerliche Denker auf eine Weltbürgergesellschaft der Freien und Gleichen hofften, denen die Erde als Allmende gemeinsam gehören sollte [8] und die Etablierung des Weltmarktes den Grundstein zur Zerstörung “nationale[r] Einseitigkeit und Beschränktheit” [9] legte, wurde die Erde unter der Prämisse der Kapitalverwertung bis in ihre letzten Winkel in Nationen aufgeteilt.

Nicht allein die bürgerlichen Denker der frühliberalen Epoche, sondern auch die Marxisten erzählten die Geschichte der Moderne als eine der Emanzipation hin zu einer freien Gesellschaft. Aber nicht nur unterwarf schon die ursprüngliche Akkumulation das im Entstehen begriffene Proletariat in einem ungeheuren Gewaltakt dem neuen Produktionsregime, mehr noch: die Warenform des kapitalistisch produzierten Reichtums verstellte seine Aneignung durch eine befreite Menschheit. [10] Der historische Gebrauchswert des Kapitals, den Pohrt in der Erzeugung der Bedingungen zur Emanzipation des Geschichtssubjekts Menschheit sah, [11] verflüchtigte sich derart zunehmend und die steigenden Potenzen der Industrie unterwarfen die Menschen letztlich umso härter, verstärkten gleichsam den Verdinglichungszusammenhang, anstatt ihn zu lockern.

Die sich gegen die Menschen verselbstständigende, kapitalförmige Gesellschaft, die schließlich auch ihre bourgeoisen Nutznießer der allmächtigen Verwaltung unterwarf, evozierte wahnhafte Identifikationen der abstrakten Kapitalherrschaft. Jener sich immer dichter um die Subjekte spannende Nexus, der dieselben zu bloßen Objekten machte, reduzierte sie auf die Rolle von Funktionsknoten. Vor diesem Hintergrund entlud sich der nationalsozialistische Autarkiewahn [12] auf Basis einer projektiven Abwehr als antisemitische deutsche Revolution, in der sich die ’nüchternen Augen‘ der Deutschen mit kalter Vernunft ans Werk machten, um die absolute Katastrophe zu verwirklichen: Auschwitz. Der Nationalsozialismus, „die negative Aufhebung des Kapitals in Barbarei“, erwies sich „als eine[r] neue[n], so kapitalentsprungene[n] wie kapitalentronnene[n] Gesellschaftsform sui generis“ [13] und brach mit aller bisherigen Ordnung auf ungeheure Weise.

IV.

„Der millionenfache Tod ist zu einem in dieser Weise noch nie zu fürchtenden geworden […]. Es ist eben heute das Schlimmere als der Tod zu fürchten.“ [14] Die Zäsur, für die ‚Auschwitz‘ steht, macht herkömmliche kommunistische Geschichtsphilosophie obsolet. Es gilt stattdessen, die wechselnden Gesichter projektiven, meist antisemitischen Wahns zu identifizieren und anzugreifen. Dies ist die Aufgabe von Ideologiekritik heute. Darein zählt die unbedingt notwendige Solidarität mit Israel. Seine Existenz als bewaffneter Souverän und das durch diesen verbürgte Recht auf Rückkehr bietet Juden weltweit Schutz vor ihren antisemitischen Häschern. Gleichwohl erschöpft sich kommunistische Kritik darin nicht: sie hat eine Gesellschaft, in der die Bedingungen, unter denen Auschwitz stattfand, fortleben und die das Individuum erst der Tendenz nach und schließlich auch physisch liquidiert, schonungslos zu denunzieren.

Auf dieses Minimalprogramm stützt sich unsere Tätigkeit als Gruppe: durch die Veranstaltung von Podien und Vorträgen, das Verfassen von Interventionen und Polemiken wollen wir Ticket- und Identitätsdenken widerstehen, Erfahrung und Leid zum Ausdruck verhelfen. Weder liegen unserem Denken und Handeln System und Dogmatismus zugrunde, noch bilden wir uns ein, die Erstarrung der Verhältnisse aus eigener Kraft lösen zu können. Unsere Hoffnung liegt nicht – positiv – in unkritisch durchgehaltener kommunistischer Ontologie [15] und ebenso wenig in blind optimistischer Praxis, sondern – negativ – darin, dass Kritik im Sinne Marxens kategorischen Imperativs noch auf die Überwindung des Leids [16] zielen kann.

Das Ungetrennte lebt einzig in den Extremen, in der spontanen Regung, die, ungeduldig mit dem Argument, nicht dulden will, daß das Grauen weitergehe, und in dem von keinem Anbefohlenen terrorisierten theoretischen Bewußtsein, das durchschaut, warum es gleichwohl unabsehbar weitergeht.“ [17]

Fußnoten:

[1] „Das subkutane Band, das die sowjetkritische Linke des Westens mit den Staaten des Realsozialismus verbunden hatte, war mit dem Scheitern der Reformversuche der KPdSU und dem Untergang der Sowjetunion durchtrennt worden. Der Rote Oktober und die Gesellschaftsordnungen, die auf ihm basierten, stehen aufgrund des Untergangs seines staatgewordenen Satrapen nicht mehr, wie es noch in den Siebzigern von linken Sowjetkritikern erklärt werden konnte, für eine Wende in der Geschichte von Elend und Ausbeutung. Sie erscheinen im Rückblick allenfalls als retardierendes Moment bei der Globalwerdung der kapitalistischen Gesellschaftsordnung. Die westliche Linke ist daher seit 1989 auf sich selbst zurückgeworfen. Sie steht, und das ist einer der Gründe für die allgemeine Konfusion in den Jahren nach 1989, ohne welthistorische Bezugsgröße da.“ (Jan Gerber: Das letzte Gefecht. Die Linke im Kalten Krieg; Berlin 2016, XS-Verlag, S. 31)

[2] „Denn auch hier hatten sich die Bedingungen des Kampfes wesentlich verändert. Die Rebellion alten Stils, der Straßenkampf mit Barrikaden, der bis 1848 überall die letzte Entscheidung gab, war bedeutend veraltet. Machen wir uns keine Illusion darüber: Ein wirklicher Sieg des Aufstandes über das Militär im Straßenkampf, ein Sieg wie zwischen zwei Armeen, gehört zu den größten Seltenheiten.“ (Friedrich Engels: Einleitung [zu Karl Marx‘ Klassenkämpfe in Frankreich 1848 bis 1850 (1895)], in: MEW 22, S. 519)

„Pseudo-Aktivität, Praxis, die sich um so wichtiger nimmt und um so emsiger gegen Theorie und Erkenntnis abdichtet, je mehr sie den Kontakt mit dem Objekt und den Sinn für Proportionen verliert, ist Produkt der objektiven gesellschaftlichen Bedingungen. Sie wahrhaft ist angepaßt: an die Situation des huis clos. Der scheinrevolutionäre Gestus ist komplementär zu jener militärtechnischen Unmöglichkeit spontaner Revolution, auf die vor Jahren bereits Jürgen von Kempski hinwies. Gegen die, welche die Bombe verwalten, sind Barrikaden lächerlich; darum spielt man Barrikaden, und die Gebieter lassen temporär die Spielenden gewähren.“ (Theodor Adorno: Marginalien zu Theorie und Praxis; in: GS 10.2, S. 771 f.)

[3] Walter Benjamin: Linke Melancholie. Zu Erich Kästners neuem Gedichtbuch; in: GS III, S. 280

[4] Theodor Adorno: Negative Dialektik; in: GS 6, S. 281

[5] ebd., S. 29

[6] Theodor Adorno, Marginalien, a.a.O., S. 766

[7] Karl Marx, Friedrich Engels: Manifest der kommunistischen Partei; in: MEW 4, S. 465

[8] etwa: Immanuel Kant: Idee einer allgemeinen Geschichte in weltbürgerlicher Absicht

[9] Karl Marx, Friedrich Engels: Manifest, a.a.O, S. 466

[10] Karl Marx: Das Kapital. Band 1; MEW 23, S. 47

[11] Wolfgang Pohrt: Theorie des Gebrauchswerts; in: Werke Bd. 1

[12] „In Deutschland […] trieb der permanente, chaotisch verlaufende Konkurrenzkampf der unterschiedlichsten Organisationen von Staat und Partei eine Volksgemeinschaft von bisher unbekannter Homogenität hervor; hier wurde die rücksichtslose soziale Pazifizierungsaktion mit dem Zweck der ‚organischen’ Einfügung des Kapitalteils Lohnarbeit in den neuen Staat so konsequent durchgeführt, daß sie zugleich und im selben Maß Vorbereitung auf den totalen Krieg war; hier hatten buchstäblich alle Krisenüberwindungskampagnen direkt oder indirekt den Charakter von Rüstungsmaßnahmen […]. Der ganze Aufschwung wurde von der Vorbereitung zu Krieg und Vernichtung stimuliert, und alle Schulden, die gemacht wurden, um sie zu finanzieren, wurden in Hinblick darauf gemacht, daß sie durch Krieg und Vernichtung getilgt werden könnten.“ Notwendige Bedingung für Einschwörung der Deutschen auf den Vernichtungskrieg war „die antisemitische Abspaltung und Personifizierung des Real Abstrakten.“ (Gerhard Scheit: Meister der Krise. Über den Zusammenhang von Vernichtung und Volkswohlstand; Freiburg 2001, ça ira, S. 62-66)

[13] vgl. Joachim Bruhn: Realität als Bückware; in: Bahamas 47/2005

[14] Theodor Adorno: Metaphysik. Begriff und Probleme; in: NaS IV: 14, S. 165

[15] „In der aprioristischen Überzeugung, die bürgerliche Ökonomie werde keine Alternativen zur radikalen Ausbeutung der Arbeiterklasse finden, hat Marx – realem Geschehen vorgreifend – seine Analyse des beginnenden Hochkapitalismus absolut gesetzt. Er ernannte ein historisch begrenztes Phänomen zum alleinigen Grund künftiger Entwicklung. Sein Schluß vom Gegenwärtigen auf die Zukunft hat die Struktur des ontologischen Gottesbeweises: weil die Selbstauflösung zum Wesen des von ihm analysierten kapitalistischen Systems gehört, deshalb sollte sie mit Notwendigkeit in Existenz treten. […] Wie nach den Vorstellungen der metaphysischen Theologie das Wesen des Göttlichen seine Existenz einschließt, so nach Marx die tendenzielle Auflösung des kapitalistischen Systems dessen reale Auflösung. Die Dialektik der bürgerlichen Ökonomie wurde über ihr geschichtliches Substrat hinaus verlängert. […] Der Verzicht auf affirmative Metaphysik, der bei Marx aus der Nichtigkeit dessen resultierte, was Hegel das Absolute nannte, hätte zugleich den Verzicht auf Einheit und Notwendigkeit gefordert. Es gab kein ontologisches Apriori mehr: keine göttliche Idee, die sich im geschichtlichen Prozeß entfalten und ihn zu seinem vorherbestimmten Ziel führen konnte.” (Karl Heinz Haag: Der Fortschritt in der Philosophie; Frankfurt/Main 1985, Suhrkamp, S. 186 f.)

[16] Das heißt nicht, dass wir uns „von der bürgerlichen Kälte frei“ wähnen, „ohne jene Kälte könnte keiner mehr leben.“ (Adorno, Marginalien, a.a.O., S. 778) Doch erlaubt ihr Aussetzen seltene Momente, in denen die Erfahrung von Identifikation mit fremdem Leid nicht verstellt ist.

[17] Theodor Adorno: Negative Dialektik, a.a.O., S. 281 f.


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