13.07.2022
„vom Standpunkt des Kommunismus aus, bestenfalls fragwürdig“
Bis auf wenige Ausnahmen führt der von Russland begonnene Krieg in der Ukraine kaum dazu, dass sich die radikale Linke wahrnehmbar mit den Problemen theoretischer Natur beschäftigt, welche sich aus diesem Krieg ergeben. Eines der drängenden Probleme ist das eines möglicherweise spezifisch-imperialistischen Charakter des russischen Angriffskrieges.
Das Schweigen oder das um Äquidistanz bemühte Lavieren weiter Teile der linksradikalen Szene zeigt jedoch an, dass der Bezugsrahmen des dualistischen politischen Denkens im Zusammenhang mit dem Kalten Krieg fortwest. Die Überwindung dessen scheint, sofern sie überhaupt vollzogen wurde, primär rhetorischer Natur zu sein. Der affirmative Verweis auf oder das unbewusste Mitschleppen von eben jenem Bezugsrahmen hemmt jedoch das kritische Denken und erschwert, was eine Aufgabe der radikalen Linken in einer solchen Situation sein könnte: „die Formulierung einer Kritik in emanzipatorischer Absicht“ (Postone 2003: 197). Statt sich dieser, zugegebenermaßen großen, Aufgabe zu stellen, wird wahlweise geschwiegen, den Krieg ablehnend, die Rede von angeblich legitimen russischen Sicherheitsinteressen reproduziert oder unter Zurschaustellung einer beachtlichen Ignoranz gegenüber dem Zeitkern politischer Parolen angesichts der geplanten deutschen Aufrüstung beschworen, dass „der Hauptfeind“ (Redical M am 4. März auf Instagram) doch im eigenen Land stehe. weiterlesen
05.12.2021
Einleitungstext zur Veranstaltung „Heute trägt man Verantwortung“ – Der Pandemiekapitalismus und sein Disziplinarregime
Die heutige Veranstaltung wird von Krankheit in einer kranken Gesellschaft handeln. In den Minima Moralia schreibt dazu Theodor W. Adorno:
„Vor den Begriffen des Gesunden und Kranken, ja den mit ihnen verschwisterten des Vernünftigen und Unvernünftigen selber vermag Dialektik nicht Halt zu machen. Hat sie einmal das herrschende Allgemeine und seine Proportionen als krank (…) erkannt, so wird ihr zur Zelle der Genesung einzig, was nach dem Maß jener Ordnung selber als krank, abwegig, paranoid – ja als ‚verrückt‘ sich darstellt.“
Befällt eine Krankheit einen Körper, so ist dieser in seiner herkömmlichen oder ’normalen‘ – organischen Funktionsweise gestört, womöglich sogar in seinem Überleben selbst bedroht.
Die Krankheit gelangt zur ‚Krisis‘ – zum Punkt, an dem sich der Verlauf der Krankheit entscheidet, ob der Kranke genest oder ob ihn das Schlimmere, gar das Schlimmste ereilt. Waren und sind die meisten Lebewesen diesem Übel schicksalhaft ausgeliefert, übt sich die Menschengattung den ganzen Verlauf ihrer Kulturgeschichte über, bis heute, darin, dem Schicksal zu entrinnen. Die erste Natur in der zweiten, der gesellschaftlichen, vermittelnd, ihre rohe Macht bedrohend, sucht sie den Druck der Natur, welcher auf menschlichem Leben lastet, zu lindern. weiterlesen
24.11.2021
Dokumentation einer vorerst gescheiterten Intervention
Am 14. Mai verabredeten sich antisemitische Mobster in Aachen zum Stelldichein. Besonders pikant: die Kundgebung war zunächst in Nähe der Synagoge geplant. Während diese Drohgebärde selbst den städtischen Behörden offenkundig war, welche die Meute an einen anderen Ort verwiesen, blieb sie der linken Aachener Szene-Postille ‘Tacheles’ verborgen, die in ihrer Rubrik “Protestkultur in Aachen” weder das Antisemiten-Treffen sowie die am selben Tag in Synagogen-Nähe abgehaltene prozionistische Solidaritätskundgebung noch die am Folgetag abgehaltene am Elisenbrunnen stattgefundene “Kundgebung gegen jeden Antisemitismus” führte – trotz linksautonomer Beteiligung.
Dabei darf als allgemein bekannt vorausgesetzt werden: Wenn Islamofaschisten mit Hisbollah- und Hamas-Fahnen, Graue Wölfe, versprengte Anti-Imps, nicht ganz so neue Nazis und friedensliebende Anhänger der radikalen Mitte gemeinsam aufmarschieren und hie und da auch mal einen Juden klatschen oder eine Synagoge attackieren, dann ist es wieder so weit: In Gaza, Ostjerusalem und der Westbank knallt’s und der Konflikt wird auf den Straßen Neuköllns, Marxlohs wie auch anderswo ausgetragen. Dass sich hier antisemitischer Hass und judenfeindliche Gewalt – “scheiß Juden”, “Tod Israel”, “Kindermörder Israel” etc. – im Rücken von bürgerlichen „Friedens“demonstrationen entladen durften, darf keinen mehr verwundern, gleicht die “legitime Israelkritik” doch seit Dekaden einem Chiffre für alte judenhetzerische Topoi, die auf Israel projiziert werden – Schändung von Kindern, Vergifter von Brunnen, entwurzelter Kosmopolitismus usw. weiterlesen
14.01.2021
Gründungserklärung
„Tatsache ist, dass wir im Augenblick nicht wissen, ob ein ‚Verein freier Produzenten‘ oder ‚Verein freier Menschen‘ – Marxens Umschreibung für das, was der Kommunismus wäre – möglich oder der Kapitalismus unvermeidlich ist. Wir wissen es einfach nicht, und in dieser Situation hilft ein fester Glaube allein nicht weiter. Der Kommunismus existiert nun schon so lange ausschließlich im Ideenhimmel, dass man anfangen muss, daran zu zweifeln, ob er überhaupt jemals auf die Erde niederkommt. Um den Zweifel abzutöten, braucht man inzwischen schon fast die Glaubenskraft der frühen Christen. Ich bewundere Leute, die solche Glaubenskraft besitzen, ich selbst gehöre leider nicht dazu.“
– Wolfgang Pohrt, Kapitalismus Forever –
I.
Kommunistische Kritik und Praxis zehrten seit den frühen Anfängen bürgerlicher Gesellschaft davon, dass das Telos einer befreiten Gesellschaft, obgleich sie nicht in greifbarer Nähe schien, als unzweifelhafte Gewissheit galt. Die aufstrebende Bewegung der europäischen Arbeitermassen im ausgehenden 19. und der Rote Oktober in Russland zu Beginn des 20. Jahrhunderts schienen dieses Vertrauen zu rechtfertigen. Bei aller radikalen Kritik am sozialdemokratischen Reformismus auf der einen und der an den tyrannischen Auswüchsen des Stalinismus auf der anderen Seite, standen sie beide ein für die Einlösung des Marx’schen Versprechens: ein Verein freier Menschen sei möglich. Diese Hoffnung widerstand allen Einsichten Kritischer Theorie in die fortschreitende Integration subversiver und devianter Potentiale sowie in die Totalisierung des Verblendungszusammenhangs und sogar der offenen Barbarei des nazistischen Vernichtungswahns in der Shoah. weiterlesen
